Interview Bürgerwindpark

Best Practice

Windkraft in Bürgerhand

In den Kommunen Ettenheim, Schuttertal und Seelbach entsteht bis Ende 2015 ein neuer Windpark. Das ist doch Alltag, könnte man sagen. Windräder gibt es inzwischen viele. Einmalig ist jedoch das Finanzierungs- und Eigentumsmodell, das von den Kommunen zusammen mit dem Unternehmen Green City Energy AG entwickelt wurde. Denn der Bürgerwindpark Südliche Ortenau soll die Energiewende sozialverträglich realisieren. Und so funktioniert’s: Die Gemeinden erhalten nicht nur Pachteinnahmen und Gewerbesteuer wie bei anderen Windkraftprojekten, sondern ein großes Mitspracherecht. Stefanie Janssen vom Regionalbüro Freiburg der Green City Energy AG erklärt das innovative Projekt im Interview.

Frau Janssen, wie unterscheidet sich der Bürgerwindpark Südliche Ortenau von anderen Windparks?

Janssen: In zwei wesentlichen Punkten: Normalerweise gehört die Betreibergesellschaft eines Windparks den Investoren. Bei uns ist das anders. Die Kommunen haben die Möglichkeit, mit 51 Prozent Mehrheitseigentümer am Windpark zu werden, zusammen mit der bereits bestehenden Bürgerenergiegenossenschaft vor Ort, der Ettenheimer Bürgerenergie eG. So können die Menschen mitbestimmen, die in den Kommunen leben, auch wenn sie sich finanziell nicht beteiligen. Das ist für Windkraftprojekte sehr ungewöhnlich. Zum Zweiten hat die Bürgerenergiegenossenschaft das Recht, den erzeugten Strom künftig direkt zu vertreiben – wenn das irgendwann wirtschaftlich machbar und interessant ist. Dabei muss sie die Anwohner vor Ort privilegiert behandeln. Dieser Punkt ist wirklich ein Alleinstellungsmerkmal. Der Strom aus dem Bürgerwindpark wäre dann für die ansässigen Bürger günstiger als der, den sie regulär von einem Stromanbieter einkaufen können.

Wie sind die Bürger das Projekt eingebunden?

Janssen: Zum einen gibt es für die Bürgerinnen und Bürger natürlich die Möglichkeit zur finanziellen Beteiligung. Aber auch durch unsere enge Zusammenarbeit mit den Kommunen ist die Bürgerschaft stark eingebunden. Ihre gewählten Vertreter, also Bürgermeister und Gemeinderäte, haben durch die Option auf das Mehrheitseigentum ein außergewöhnlich großes Mitspracherecht. Diskutiert wurde zum Beispiel über Anlagentypen, über die Feinverschiebung der Standorte, Detailabsprachen, Optimierung des Landschaftsbildes oder die Minimierung der Naturschutzeingriffe. Bürger, Bürgermeister, Gemeinderäte und die Bürgerenergiegenossenschaft waren hier sehr stark involviert. Unser Austausch findet praktisch täglich statt. Und das beruht nicht nur auf Goodwill des Unternehmens Green City Energy, sondern auf der festgeschriebenen Stellung der Kommunen als optionaler Mehrheitseigentümer.

Warum ist der Green City Energy AG das Mitspracherecht der Kommunen so wichtig?

Janssen: In der Regel ist es ja so, dass wer das Geld gibt, auch der Eigentümer wird. Für eine Investition bekommt man Eigentumsanteile und Mitspracherecht. Den drei Kommunen in der Südlichen Ortenau war es sehr wichtig, selbst Mitspracherechte zu erlangen, da ihre Bürger ja dauerhaft mit dem Windpark leben. Green City Energy war sehr offen für dieses Anliegen und hat daher gemeinsam mit den Kommunen und der Bürgerenergiegenossenschaft ein Modell ausgetüftelt, wie diese mit einem sehr kleinem Nennbetrag Mehrheitseigentürmer werden können.
   
Wie finanzieren Sie dann den Windpark? Wie das Sprichwort sagt: Ohne Moos nix los …

Janssen: Bei unserem Finanzierungsmodell ist es so, dass die Eigentumsanteile von den Investitionen abgekoppelt sind. Die Investoren werden also nicht Anteilseigner, sondern sie geben eine Anleihe. Es ist wichtig zu wissen, dass Green City Energy als Tochter aus der gemeinnützigen Umweltschutzorganisation Green City e.V. hervorgegangen ist. Wir betrachten uns nicht als Investor, sondern sind speziell dafür gegründet worden, um unser Ziel umzusetzen, nämlich 100 Prozent erneuerbare Energien in Bürgerhand. Und deshalb sind wir als Unternehmen bereit, mit Kommunen so einen Deal zu machen.

Das klingt ja super. Kann jede Kommune mit ihnen zusammenarbeiten?

Janssen: Wir sind schon im Gespräch mit anderen Kommunen, denn es besteht ein großes Interesse an unserem Modell. Aber es gibt auch ein paar Voraussetzungen für eine Realisierung: Haben die Kommunen Interesse daran, den Windpark selbst in der Hand zu haben? Ist der Standort gut? Wie ist die Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Kommunen? Gibt es aktive lokale Akteure? In der südlichen Ortenau ist es von Vorteil, dass es schon eine sehr engagierte und kompetente Bürgerenergiegenossenschaft gab. Das war eine günstige Konstellation. Der Bürgerwindpark Südliche Ortenau ist in dieser Form auch für uns eine neue Erfahrung. Das interkommunale Modell ist natürlich keine Blaupause, denn jeder Einzelfall ist anders. Aber wir sind sehr offen dafür, das Prinzip auf andere Standorte zu übertragen und stoßen hier auch auf reges Interesse seitens der Kommunen.

Wie ist die Stimmung bei Green City Energy so kurz vor der Zielgeraden? Im Juni 2014 haben Sie ja den Genehmigungsantrag eingereicht und rechnen nun damit, Mitte 2015 mit dem Bau beginnen zu können. 

Janssen: Man könnte sagen, es herrscht eine freudige Anspannung. Das ganze Projekt ist unglaublich aufwändig: Viele Arbeiten laufen derzeit parallel. Aber wir sind schon stolz darauf, so ein besonderes Projekt auf den Weg gebracht zu haben. Anfang 2012 haben wir bereits mit den Planungen angefangen. Das Projekt ist mit seinen sieben Windkraftanlagen vergleichsweise groß und deshalb ist der Prozess eher komplex. Es ist zum einen aufwändig, bis man alle Gutachten zusammen hat. Zum anderen gibt es auch längere Abstimmungsprozesse, da wir viele Akteure haben. Aber jetzt stehen wir wie gesagt kurz vor der Zielgeraden. Wir rechnen mit einer Inbetriebnahme im Frühjahr 2016.

Und wie kommt der Windpark bei der Bevölkerung an? Windparks sind ja oft umstritten.

Janssen: Die drei Bürgermeister der Gemeinden sind unglaublich kompetente sowie engagierte Vorkämpfer für das Projekt. In einer der drei Kommunen gibt es allerdings auch eine kleine, aber relativ aktive Gegenbewegung, wie es sie in vielen Windprojekten gibt. Insgesamt ist aber auch dort die Stimmung ganz überwiegend positiv. Durch die starke Einbindung der Bürgermeister kommunizieren diese natürlich auch in die Gemeinden hinein, wie sehr das ein gemeinsames Projekt zum Nutzen der Kommunen ist.

Jetzt noch eine herausfordernde Frage: Kann man gegen die Windkraft sein, wenn man für die Energiewende ist?

Janssen: Ich finde nicht. Wir haben einen großen gesellschaftlichen Konsens, dass wir keine Atomkraft wollen und den Klimawandel aufhalten müssen. Windenergie ist die kostengünstigste Form der erneuerbaren Stromerzeugung, und alle seriösen Studien zur Energiewende gehen davon aus, dass eine Kombination aus Wind und Photovoltaik das Rückgrat einer künftigen CO2- freien Stromerzeugung bilden muss. Ich finde es schwer nachvollziehbar, dass manche sagen: Wir wollen keinen Klimawandel, keine Atomkraft, aber in unserer Gegend auch keine Windräder. Einen Windpark kann man doch noch am ehesten in Kauf nehmen. Im Gegensatz zu einem Atommüllendlager kann man den bei Bedarf nach 25 Jahren ohne Rückstände wieder abbauen. Auch die großen Naturschutzverbände wie BUND und NABU bekennen sich eindeutig zur Windenergie, weil sie davon ausgehen, dass der Klimawandel die weitaus größere Bedrohung für Natur- und Artenschutz darstellt.

Wie können sich die Bürger vor Ort finanziell am Windpark beteiligen?

Janssen: Eine Beteiligung der Bürger als Miteigentümer an dem Projekt ist hier nicht möglich, da die Miteigentümer in diesem besonderen Modell ja bewusst die Kommunen bzw. die Genossenschaft sind. Bürgerinnen und Bürger können aber sehr wohl zur Finanzierung beitragen und damit von den Erträgen des Projekts profitieren. Dies geht über die festverzinsliche Anleihe an unserem „Kraftwerkspark II. Damit investieren Anlegerinnen und Anleger in einen Pool von Regenerative-Energien Projekten; das größte davon ist der Bürgerwindpark Südliche Ortenau. Für die Einwohner der betreffenden Kommunen ist ein Sparbrief mit limitiertem Umfang geplant, der mit Vorzugskonditionen und zusätzlicher Risikobegrenzung ausgestattet ist. Zudem können sich Anwohnerinnen und Anwohner über die Ettenheimer Bürgerenergiegenossenschaft an dem Windpark beteiligen.

Vielen Dank für das Interview, Frau Janssen, und alles Gute für die Umsetzung des Modellprojekts. 

Stefanie Janssen ist im Regionalbüro Freiburg von Green City Energy Ansprechpartnerin für ökologische Geldanlagen und Projektentwicklung Wind.

 


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