Die Energiewende als Generationenaufgabe

Gastkolumne

Die Energiewende als Generationenaufgabe

  • Ministerpräsident Winfried Kretschmann

Die Energiewende ist eine generationenübergreifende Aufgabe, die großes Engagement erfordert und große Chancen bietet – für Baden-Württemberg und weit darüber hinaus. Deshalb hat sich die Landesregierung zum Ziel gesetzt, ein Schrittmacher der Energiewende zu sein und die Umwandlung hin zu einem Energieversorgungsystem auf Basis erneuerbarer Energien und einer zugleich intelligenten Nutzung der Energie aktiv zu gestalten und voranzutreiben. Dies stellt für ein Land mit einem bislang hohen Anteil an Atomenergie und einer starken Industrie eine große Herausforderung dar. Wir müssen und werden eine klima- und umweltverträgliche, sichere, aber gleichwohl bezahlbare Energieversorgung für die Bürgerinnen und Bürger sowie die Unternehmen gewährleisten. Tragende Säulen sind dabei die drei „E“, also Erneuerbare Energien, Energieeinsparung und Energieeffizienz.

Wichtige Erfolge

Baden-Württemberg war an der Ausgestaltung des im Atomgesetz festgelegten Ausstiegs aus der Kernenergie maßgeblich beteiligt und gab den entscheidenden Impuls zu einem Neubeginn bei der Suche nach einem Endlager für hochradioaktive Abfälle. Dadurch konnte ein Jahrzehnte andauernder gesellschaftlicher Konflikt gelöst und ein neues, ergebnisoffenes und transparentes Suchverfahren auf den Weg gebracht werden.

Mit dem neuen Landesplanungsgesetz, dem Windenergieerlass, der Einrichtung von „Kompetenzzentren Energie“ bei den vier Regierungspräsidien, der Veröffentlichung eines Potentialatlasses und zahlreichen weiteren Maßnahmen haben wir die Grundlagen für den Ausbau der erneuerbaren Energien im Land geschaffen. Wir haben die Mittel für die Energiewende und die Energieforschung signifikant erhöht und haben dem Klimaschutz mit dem Klimaschutzgesetz eine gesetzliche Grundlage gegeben. Ergänzend hierzu haben wir unter intensiver Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern sowie Verbänden das Integrierte Energie- und Klimaschutzkonzept (IEKK) auf den Weg gebracht. Das Konzept dient als Leitfaden für das Erreichen der Klimaschutzziele. 

EEG-Reform

Auf der Grundlage des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) haben die erneuerbaren Energien im Strombereich eine beispiellose Entwicklung genommen. Sie sind inzwischen zu einer tragenden Säule der deutschen Stromversorgung geworden. In Baden-Württemberg beträgt der Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung inzwischen knapp 24 %. Dieser Anteil soll bis zum Jahr 2020 auf gut 38 % und bis zum Jahr 2050 auf über 80 % gesteigert werden. Mit den grundlegenden Umwälzungen in der Energiewirtschaft einher ging 2014 eine Reform des EEG, die wir kritisch und zugleich konstruktiv aus Sicht des Landes begleitet haben. In diesem Sinne werden wir uns weiter engagieren und vorausdenken. Als nächstes wird es darum gehen, die Erneuerbaren noch stärker in den Wettbewerbsmarkt zu integrieren. 

Weitere aktuelle Herausforderungen

Weitere wichtige Aufgaben sind u.a. der zügige Ausbau der Stromtrassen und mittelfristig auch die Entwicklung und der Ausbau effizienter Speichertechnologien. Aber ebenso die Weiterentwicklung intelligenter Netze, die Erprobung eines sog. Lastmanagements, also eine Steigerung der Flexibilität bei der Stromnachfrage, also der Nachfragesteuerung bei der Stromabnahme, und die Änderung des Strommarktdesigns. Wir benötigen einen sogenannten Kapazitätsmechanismus, um Rahmenbedingungen zu schaffen, die rentable Investitionen in ausreichende Kapazitäten (Stromerzeugung und Speicherung wie auch das erwähnte Lastmanagement) ermöglichen, damit die unverzichtbare Versorgungssicherheit gewährleistet werden kann.

Zum Erreichen der Ziele der Energiewende sind auch große Anstrengungen zur Verbesserung der Energieeffizienz notwendig. Ein mit Blick auf den mit der Wärmeerzeugung verbundenen enormen Energieverbrauch bislang geradezu sträflich vernachlässigtes Handlungsfeld. Mit der Neufassung des Erneuerbare-Wärme-Gesetzes werden wir dazu beigetragen, den Anteil an erneuerbaren Energien im Wärmebereich weiter zu erhöhen. Darüber hinaus müssen die Kraft-Wärme-Kopplung und die Nah- und Fernwärmenetze ausgebaut werden.

Ressourceneffizienz ist ein bedeutender Innovationstreiber und Wirtschaftsmotor, der sich ebenfalls positiv auf die Energieeffizienz auswirkt. Auch hier wollen wir Baden-Württemberg zum Vorreiter machen.

Energiewende als Chance begreifen

Die Energiewende gibt es nicht zum Nulltarif. Die Energiewende bietet aber zugleich enorme Chancen für Handwerk, Industrie und die gesamte Gesellschaft. Langfristig bekommen wir ein preiswertes, sauberes und sicheres Energiesystem, das unsere Volkswirtschaft noch robuster und wettbewerbsfähiger machen wird.

Mit neuen Produkten und Konzepten können Unternehmen zu Vorreitern auf einem globalen Zukunftsmarkt werden. Das kurbelt nicht nur vor Ort die Wirtschaftsleistung an, sondern eröffnet zugleich neue Exportmöglichkeiten. Ein Blick auf den Arbeitsmarkt zeigt, dass 2012 in Baden-Württemberg rund 41.000 Arbeitsplätze direkt oder indirekt den erneuerbaren Energien zuzurechnen waren. Darunter fallen Arbeitsplätze in den Bereichen "Herstellung und Installation von Anlagen zur Nutzung erneuerbarer Energien" sowie "Betrieb und Wartung des Anlagenbestandes". Ausgehend von rund 20.000 Arbeitsplätzen im Jahr 2008 hat sich die Zahl der Beschäftigten im Bereich erneuerbare Energien damit innerhalb von vier Jahren mehr als verdoppelt.

Die Umstellung der Energieversorgung auf erneuerbare Energien, Energieeinsparung, Aus- und Umbau der Infrastruktur, Wertschöpfung und Arbeitsplätze - das sind keine Widersprüche, vielmehr Teile eines stimmigen Gesamtbildes im Rahmen einer sicheren, bezahlbaren und umweltverträglichen Energieversorgung.

 

Der Autor Winfried Kretschmann ist seit Mai 2011 Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg.

Erfahren Sie mehr über Winfried Kretschmann: winfried-kretschmann.de

 

* Die Beiträge unserer Serie "Gastkolumne" geben ausschließlich die Meinung des  namentlich genannten Autors wieder.


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