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Energiewende aus Bürgersicht

Gastkolumne

Energiewende – die Bürger spüren, dass viel auf dem Spiel steht

Wie sie die öffentliche Diskussion wahrnehmen und was sie erwarten

 

Von Prof. Dr. Claudia Mast, Inhaberin des Lehrstuhls für Kommunikationswissenschaft und Journalistik an der Universität Hohenheim

Steigende Strompreise für Verbraucher, fallende Preise für Unternehmen – die Zustimmung der Bürger zur Energiewende ist nach wie vor hoch. Allerdings machen sie sich über die Risiken keine Illusionen. Ihr Interesse an diesem Zukunftsthema steigt rasant, weil sie spüren, dass viel davon abhängt und sie letztlich die Rechnung zahlen.  

Eine aktuelle Gemeinschaftsstudie der Universität Hohenheim und der ING-DiBa AG (Frankfurt) belegt, dass – ohne Antwortvorgaben gefragt – jeder Zehnte sagt, er verfolge das Gerangel der Politiker und Unternehmen mit Sorge. Das sind fast doppelt so viele Menschen wie vor einem Jahr. Tendenz steigend. Darüber hinaus treiben die Bürger außenpolitische Risiken um, zum Beispiel die Verhandlungen zum Freihandelsabkommen und die Ukraine-Krise.

Zukunftsaufgabe mit Zündstoff

Repräsentative Bevölkerungsumfragen zeigen, dass sich immer mehr Bürger für Medienberichte über Energiethemen interessieren. Gleichzeitig nehmen die Menschen zu, die Energiethemen als persönliches Problem in ihrem Alltag wahrnehmen, wenn sie an die steigenden Strompreise oder Heizungskosten denken. Deren Auswirkungen spüren sie tagtäglich. Und es werden immer mehr Bürgerinnen und Bürger, die die Bewältigung der Energiewende als zentrale Herausforderung für das ganze Land ansehen. Die Energieproblematik – von erneuerbaren Energien über eine sichere Versorgung und Innovationen wie Elektromobilität bis hin zu Biogas und EEG – ist bei den Menschen im vollen Umfang angekommen.  

Ein soziales und wirtschaftliches Risiko

Für die meisten Bundesbürger ist die Energiewende keineswegs gelöst. Dies gilt auch für die Befragten aus Baden-Württemberg. Weil die Gemeinschaftsstudie der Universität Hohenheim und der ING-DiBa AG (Frankfurt) auf die Bundesebene – und nicht explizit auf Baden-Württemberg – angelegt ist, erheben die folgenden Ergebnisse keinen Anspruch auf strikte Repräsentativität, zeigen jedoch ähnliche Muster wie im bundesweiten Durchschnitt: 90 Prozent der Befragten in Baden-Württemberg meinen, dass diese Energieproblematik Deutschland noch lange beschäftigen wird. Nur etwa jeder zehnte befragte Baden-Württemberger glaubt, dass die Verantwortlichen das Problem im Griff haben (vgl. Abb. 1).

Wenn es um das Ausmaß der Energiewende geht, sieht jeder dritte befragte Baden-Württemberger Konsequenzen für die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft und – jeder Zweite glaubt, dass die Zukunft der Energieversorgung sich auf das soziale Gefüge des Landes auswirken könnte, und die Schere zwischen Arm und Reich weiter öffnet (vgl. Abb. 2). Die Energiewende ist für sie ein gefährliches soziales und wirtschaftliches Risiko gleichermaßen.

 

Öffentlicher Streit verärgert die Bürger

Der öffentlich ausgetragene Streit beispielsweise zwischen großen und kleinen Energieunternehmen, Verbänden, politischen Parteien bis hin zur Vielstimmigkeit der Gutachter hat verheerende Wirkungen. Der Bürger sieht sich „außen vor“ und verfolgt mit Erstaunen bis Ärger die verwirrenden volks- und betriebswirtschaftlichen oder parteipolitischen Argumentationen. Dabei hat er doch ganz andere Anliegen, wenn es um Energie geht – als politisch interessierter Bürger, Anwohner oder Hausbesitzer.
Vertreter aus Politik und Wirtschaft sollten in der öffentlichen Diskussion verstärkt die Interessen der Menschen vor Ort (= lokaler Bezug) und im Alltag aufgreifen sowie den Nutzen für die Gemeinden herausstellen. Sonst verbreitet sich auch unter den kommunalen Verantwortungsträgern eine Haltung, die ein Bürgermeister in anderem Zusammenhang so formuliert: „Ich bin der festen Überzeugung, dass wir Gemeinden handeln müssen. Auf die Politik darf man nicht warten. Das ist ein `Herumgeeiere´.“ Die Gefahr besteht, dass die Kluft zwischen Politik und Wirtschaft bei der Energiewende wächst und sich die kommunalen und regionalen Meinungsführer bei der Energiewende allein gelassen fühlen.  

Politik in der Verantwortung

Wer ist aus Sicht der Befragten in Baden-Württemberg gefordert, wenn es um die Bewältigung der Energiewende geht? Die Führungsrolle sprechen die Bürgerinnen und Bürger eindeutig der Politik zu: Eine Mehrheit der Befragten (vgl. Abb. 3) sieht Bundesregierung (86 Prozent) und Bundestag (74 Prozent , EU-Politik (75 Prozent , Landes- (75 Prozent  und Kommunalpolitik (66 Prozent  sowie Oppositionsparteien (53 Prozent) vorrangig in der Verantwortung. Gleiches gilt für die Wissenschaft (71 Prozent) und Umweltschutzverbände (66 Prozent), aber auch für Unternehmen (69 Prozent) und Wirtschaftsverbände (53 Prozent).

Fragt man die Baden-Württemberger, inwieweit ihre Erwartungen von zuständigen Entscheidungsträgern auch erfüllt werden, schneidet die Wissenschaft am besten ab. Mit 69 Prozent sind die Befragten mehrheitlich damit zufrieden, welchen Beitrag Forschungsinstitute, Hochschulen und Wissenschaftler zum Gelingen der Energiewende leisten. Dies trifft auch auf den Umwelt- (68 Prozent) und Verbraucherschutz (58 Prozent) sowie Interessenvereinigungen von Bürgern (53 Prozent) zu.

Landesregierung mit Sonderstellung

Bei der Bewertung der politischen Akteure fallen signifikante Unterschiede zu anderen Bundesländern auf: Während beispielsweise jeweils nur eine Minderheit der befragten Bayern (34 Prozent) und Nordrhein-Westfalen (29 Prozent) mit ihrer Landesregierung zufrieden ist, wenn es um die Energiewende geht, fällt dieser Wert in Baden-Württemberg etwa doppelt so hoch aus (58 Prozent). Auch die Kommunalpolitik schneidet im Bundesland mit dem „grünen“ Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann deutlich besser ab (BW: 48 Prozent/BY: 35 Prozent/NRW: 27 Prozent).

Und noch ein weiterer Unterschied: Neben der Wissenschaft und den Umweltschutzverbänden ist auch die Landesregierung für die befragten Baden-Württemberger ein Hoffnungsträger bei der Bewältigung der Energiewende (vgl. gelb umrandeter Bereich in Abb. 3). Denn eine Mehrheit der Befragten sieht die Landesregierung in der Verantwortung, das Problem der Energiewende zu lösen – und gleichzeitig sprechen die Bürger Baden-Württembergs ihr auch mehrheitlich zu, dass sie dieser Verantwortung gerecht wird. Im bundesweiten Durchschnitt betrachtet sind deutlich weniger Menschen mit den Leistungen der Landesregierungen im Zusammenhang mit der Energiewende zufrieden.

Zwei Perspektiven

Die öffentliche Diskussion über die Energiewende hat also aus der Perspektive der Bürger mehrere Gesichter. Einerseits eine politische, wirtschaftliche und technische Kontroverse, die die Bürger eher verwirrt bis verärgert, weil sie keinen Bezug zu ihrem Alltag und ihren Anliegen erkennen können. Andererseits vermissen die Bürger Antworten auf Energiefragen aus ihrer höchst individuellen Sicht im Alltag – beispielsweise als Pendler, Mieter, Hausbesitzer oder heimatverbundene Naturschützer.

Die Energiewende hat als Aktionsfeld Karriere gemacht und beschäftigt die Menschen zunehmend. Gleichzeitig entfernen sich die politischen und wirtschaftlichen Verantwortungsträger bei dieser Zukunftsaufgabe immer mehr von den Köpfen und Herzen der Bürger.

Entscheidend: die Regionen

Baden-Württemberg hat eine Sonderstellung und die Chance, eine Vorreiterrolle für die anderen Bundesländer zu übernehmen. Allerdings entscheidet sich bei diesem Thema die Meinungsbildung der Menschen in der Region, in der sie leben und der sie sich verbunden fühlen. Die Bürgermeister und kommunalen Verantwortungsträger haben daher entscheidend Einfluss. Von „unten nach oben“ wird die energiepolitische Diskussion von den Bürgern gewünscht, die aber von „oben nach unten“ geführt wird. 

 

 

Die Autorin Prof. Dr. Claudia Mast ist Kommunikationswissenschaftlerin und Inhaberin des Lehrstuhls für Kommunikationswissenschaft und Journalistik an der Universität Hohenheim. 

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* Die Beiträge unserer Serie "Gastkolumne" geben ausschließlich die Meinung des  namentlich genannten Autors wieder.


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