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Energiewende oder Naturschutz?

Gastkolumne

Energiewende oder Naturschutz? Sowohl als auch!

Von Dr. Andre Baumann, Vorsitzender des NABU Baden-Württemberg*

Im Spannungsfeld Naturschutz und Energiewende gehen die Wogen hoch, die Vorwürfe sind massiv – von beiden Seiten: Windräder töten Vögel. Wasserkraftwerke zerschneiden Flüsse, sie hindern Wasserbewohner daran, Wasserläufe zu durchwandern und sich auszubreiten. Und bei Gebäudesanierungen gehen Brutnischen für Vögel und Fledermäuse verloren. Umgekehrt gibt es ähnliche Vorwürfe: Übertriebener Vogelschutz verhindert die Energiewende. Der Schutz von Auerhühnern und Rotmilanen treibt den Klimawandel voran, weil keine Windräder gebaut werden können.

Müssten Naturschützer daher die Energiewende ablehnen? Und Umweltschützer den Artenschutz? Und warum hat der NABU dann jahrzehntelang für die Energiewende gestritten und trägt sie nach wie vor überzeugt mit?

Richtig ist, dass jede Form der Energiegewinnung ihre Schattenseiten hat. Ja, an Windkraftanlagen können Vögel und Fledermäuse zu Tode kommen, vor allem, wenn die Windräder am falschen Ort stehen. Richtig ist aber auch, dass die größten Umweltprobleme von konventionellen Kraftwerken verursacht werden: Wer Kohle, Öl oder Gas verbrennt, heizt den Klimawandel an. Wo Braunkohle abgebaut wird, bleiben Mondlandschaften zurück. Wer Erdöl fördert, vergiftet Meere, Böden und Menschen. Vom Abbau von Uran, der Endlagerproblematik und dem "Restrisiko" der Atomkraft ganz zu schweigen.

Zukunftsfähig sind die erneuerbaren Energien

Unsere Gesellschaft hat sich in den vergangenen Jahrzehnten äußerst intensiv mit der Frage beschäftigt, welche Form der Energiegewinnung die verträglichste ist. Die Antwort ist eindeutig: Zukunftsfähig sind die erneuerbaren Energien. Fossile und nukleare Energieträger dagegen sind endlich und weitaus schädlicher als Windräder und Solarpanels. Die immensen Schäden und zahlreichen Katastrophen, die die konventionellen Energieträger verursachen, geraten hier bei uns immer wieder in Vergessenheit – vielleicht auch deshalb, weil Braunkohle- und Uranabbau in Baden-Württemberg genauso wenig sichtbar sind wie verseuchte Meeresküsten und verstrahlte Landstriche in Japan oder der Ukraine. Windräder und Wasserkraftwerke dagegen sind jeden Tag sichtbar und ihre negativen Auswirkungen konzentrieren sich nicht in fernen Ländern, sondern vor unserer eigenen Haustür. Es ist nur menschlich, dass die Nachteile umso gravierender wahrgenommen werden, je näher sie an uns heranrücken.

Das heißt nicht, dass erneuerbare Energien immer und überall unproblematisch sind. Wenn man es hart formulieren möchte: Sie sind lediglich das kleiner Übel. Die gute Nachricht ist, dass sich die Auswirkungen der regenerativen Energien auf die Natur minimieren lassen. Das setzt eine gründliche Planung voraus. Nur so können Windräder an Standorten gebaut werden, wo sie Vögel und Fledermäuse möglichst wenig stören.

Energie einzusparen ist der wichtigste Baustein der Energiewende

Da keine Form der Energiegewinnung naturschutzfachlich unproblematisch ist, müssten wir, um die reine Naturschutz-Lehre anzuwenden, die Energiegewinnung einstellen. Kein Strom mehr, keine Heizung im Winter, kein warmes Wasser. Das dürfe jedoch für die wenigsten Menschen eine echte Option sein – auch für den NABU nicht. Dennoch ist der Ansatz hilfreich. Denn was wir tun können und müssen, ist einen großen Schritt in diese Richtung zu gehen und unseren Energieverbrauch massiv zu reduzieren. Indem wir Energie effizienter nutzen. Und indem wir Energie nur da einsetzen, wo es wirklich nötig ist. Die beste Energie ist die, die nicht produziert, nicht verteilt und nicht gespeichert werden muss. Um das zu bewerkstelligen, sind alle gefordert: Politik und Verwaltung, Wirtschaft und jeder und jede Einzelne. Energie einzusparen ist der wichtigste Baustein der Energiewende.

Aber natürlich muss der Strom, der trotz aller Einsparungen verbraucht wird, produziert werden. Damit das möglichst wenig natur- und menschenschädlich geschieht, brauchen wir die erneuerbaren Energien – vor allem Photovoltaik und Windkraft.

Leider beobachte ich immer wieder, dass erneuerbare Energien und Naturschutz gegeneinander ausgespielt und Argumente missbraucht werden – in beide Richtungen: Der Naturschutz wird missbraucht, um den Ausbau der Windkraft zu verhindern. Und die Klimafreundlichkeit der Windkraft wird missbraucht, um den Naturschutz auszuhebeln. Beides ist aus Sicht des NABU inakzeptabel.

Ein Miteinander von Windkraft und Naturschutz ist möglich

Wo Windräder tatsächlich Vogel- oder Fledermauspopulationen gefährden, dürfen sie nicht gebaut werden. Punkt. In diesen Gebieten rufe ich Naturfreunde auf, gegen solche Planungen vorzugehen. An allen anderen Standorten, sollten vermeintliche Naturfreunde aber das Vogel-Argument nicht missbrauchen. Ein Miteinander von Windkraft und Naturschutz ist möglich: Es gibt in Baden-Württemberg genügend windhöffige Standorte, wo keine windkraftsensiblen, geschützten Vogel- oder Fledermausarten leben. Und es gibt genügend Standorte für Photovoltaik-Anlagen in unserem Land. Diese Standorte zu finden und zu nutzen, muss unser Aller Interesse sein.

Der NABU ist überzeugt, dass die Energiewende gelingen kann und muss. Energiesparen und die Energieeffizienz steigern – das sind die wichtigsten Bausteine der Energiewende. Klar ist aber auch, dass wir die Energiewende nur schaffen, wenn wir auch den Ausbau der erneuerbaren Energien, der Speicher und Netze vorantreiben. Und zwar so, dass die Natur so wenig wie möglich geschädigt wird. Es geht im Themenfeld Energiewende und Naturschutz also nicht um ein Entweder-oder, sondern um ein Sowohl-als-auch.

Naturschutzbund Baden-Württemberg
Naturschutzbund Baden-Württemberg

 

Der Autor Dr. Andre Baumann ist seit 2007 Vorsitzender des Naturschutzbunds NABU, Landesverband Baden-Württemberg. Der NABU Baden-Württemberg hat circa 70.000 Mitglieder, die sich in rund 250 Gruppen vor Ort für den Naturschutz engagieren.

Erfahren Sie mehr über den NABU Baden-Württemberg: www.baden-wuerttemberg.nabu.de

 

* Die Beiträge unserer Serie "Gastkolumne" geben ausschließlich die Meinung des  namentlich genannten Autors wieder.


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