Vom Wissen zum Handeln – die Herausforderung der Umsetzung von Klimaschutzzielen

Gastkolumne

Vom Wissen zum Handeln – die Herausforderung der Umsetzung von Klimaschutzzielen

  • Hannes Lauer, Klimaschutzmanager Filderstadt

Hannes Lauer, Klimaschutzmanager der Stadt Filderstadt. Vor seiner aktuellen Tätigkeit forschte der Geograph im westafrikanischen Gambia zum Mainstreaming von Klimawandelanpassung in nationale und lokale Entwicklungsstrategien. Bild: filderstadt.de


„We know enough – Wir wissen genug“ So schrieb es die norwegische Geografin und Klimaforscherin Karen O’Brien. Und in der Tat, wir wissen viel über den Klimawandel. Wir wissen, dass unser Handel zu irreversiblen Folgen für die Biosphäre führt und unsere Zukunft bedroht. Wir wissen, dass wir auf Grenzen zusteuern, deren Überschreitung existenzielle Auswirkungen haben kann und dass wir nur noch ein begrenztes Zeitfenster für ein Umsteuern haben. Wir verfügen über lokale Prognosen und Modelle, die uns Zukunftsszenarien liefern. Wir wissen auch, wo die Ursachen unserer Probleme liegen und welche Stellschrauben in den Bereichen Energieverbrauch, Energieerzeugung und Lebensstil positive Veränderungen erwirken könnten. Wir wissen somit genug um die Notwendigkeit von Veränderungen. Wir haben uns Ziele gesetzt wo wir hinwollen und sogar Wege skizziert, die wir beschreiten müssten. Von der internationalen über die nationale zur Länderebene und bis hinunter zur lokalen Ebene mit den Kommunen wurden Gesetze und Konzepte erarbeitet. Nun stehen wir vor der Herausforderung diese auch umzusetzen. Auf der lokalen Ebene wird diese Herausforderung mittlerweile in vielen Kommunen (60 in Baden-Württemberg) von Klimaschutzmanagern wie mir angenommen. Unsere Aufgabe ist die Koordinierung des kommunalen Klimaschutzes, meist in Form der Umsetzung eines kommunalen Klimaschutz- oder Energiekonzeptes. Es gilt Akteure zu vernetzen, Initiativen zu unterstützen, neue Projekte anzuschieben und Sensibilisierungsarbeit zu leisten.

Klimaschutz wird Lebensstil

In den Kommunen gibt es viele Menschen, die sich engagieren und für nachhaltige Themen einbringen, und das nicht erst seit es institutionalisierten kommunalen Klimaschutz gibt. Auf diesen Initiativen baut die heutige Arbeit auf. Mittlerweile hat es das Thema Klimaschutz aus seiner grünen Nische geschafft und Nachhaltigkeit ist zu einem Mainstream-Thema geworden ist – trotz manch missbräuchlichem Gebrauch ist das auch gut so! Denn auf der kommunalen Ebene lassen sich durch die neue Breitenwirkung Projekte mit Bürgern, Vereinen, dem Einzelhandel und auch der Industrie starten.

Die Menschen erkennen vielfach, dass nachhaltige Lebensweisen nicht zwangsläufig Verzicht bedeuten: Als Vegetarier, oder bedachter Fleischesser ist man kein Einzelgänger mehr. Wir erkennen, dass regionale Wertschöpfung wichtig ist und übermäßiger Konsum nicht zwangsläufig glücklicher macht. Für viele junge Leute verliert das eigene Auto im urbanen Alltagsleben an Bedeutung und die sogenannte Shareeconomy, die „Nutzen“ als das neue „Haben“ proklamiert, ermöglicht gänzlich neue Perspektiven. Während viele ältere Menschen, in guter schwäbischer Tradition, wertkonservativ zu Leben pflegen und schon immer sparsam mit ihren Ressourcen umgegangen sind.

Diese Prozesse stimmen positiv. Es ist schön, dass sich Klimaschutz und die Energiewende in einem positiven Lebensstil ausdrücken können. Denn es sollte auf der lokalen Ebene nicht das Mittel der Wahl sein, die Menschen mit erhobenem Zeigefinder zu belehren. Dies würde vermutlich auch nicht zu gewünschten Ergebnissen führen. Eine zielführendere Methode ist vielmehr, die Menschen dazu zu bringen Fragen zu stellen. Sie müssen über die Themen stolpern, weil sie wichtig für sie sind, weil sie sie betreffen. Wo kommt mein Essen her? Wie erzeugen die Anbieter unseren Strom? Wie kann ich durch effizienten Umgang diesen sparen? Welche Auswirkungen hat mein Handeln? Was ist das ‚Gute Leben‘? Es gilt durch diese Herangehensweise die Menschen in ihrem Alltag zu erreichen und auch gezielt junge Leuten und neue Zielgruppen, wie Migranten, anzusprechen. Hier müssen mitunter auch kreative Wege beschritten werden. Über das Medium der Kunst (Kurzfilmwettbewerb) und niederschwellige Angebote, wie die Ausbildung von Mentorinnen, die Klimaschutzthemen auf der Muttersprache in ihre Community weitertragen, konnten wir in Filderstadt Erfolge feiern. Wir wollen einen positiven Lebensstil vermitteln, der Partizipation ermöglicht, gesünder ist, uns mehr Freiraum lässt, mehr menschliche und regionale Kontakte liefert und durch Einsparungen zudem bares Geld bietet!

Konsequenzen und klare Visionen sind gefragt

Trotz Projekterfolgen und positiven Tendenzen in der Gesellschaft, ist der Weg sehr weit und steinig. Es ist ein Irrglaube anzunehmen, man lebe nachhaltiger, wenn man Carsharing benutzt, sich vegetarisch ernährt und regionale Produkte einkauft, wenn gleichzeitig ein globalisierter Lebensstil, mit Travel&Work in Australien und Besuchen bei Freunden in London übers Wochenende, gepflegt wird. Eine klimaschonende Lebensführung und nachhaltige kommunale Entwicklung wird kaum ohne Anstrengungen und persönliche Einschnitte zu haben sein! Ebenso wenig können die kommunalen Anstrengungen ohne Impulse der übergeordneten Ebenen zum erwünschten Erfolg führen. Es bestehen wichtige Zielvorgaben, wie „50, 80, 90“ in Baden-Württemberg, und hilfreiche Förderprogramme, die die lokale Arbeit befruchten. Gleichzeitig hemmen konträre politische Prioritäten, Kompromisse und Unverbindlichkeiten die Zielerreichung. Die große Herausforderung bleibt somit die Umsetzung. Obwohl wir, wie eingangs erwähnt, bereits viel Wissen erlangt haben, gibt es keine Blaupause für die Transformation zu einer emissionsarmen, nachhaltigen Gesellschaft. Negative Folgen antizipierend, müssen wir in einer komplexen Welt neue Transformationspfade beschreiten und entlang des Weges dazulernen. Dies gilt für alle Skalenebenen und Gesellschaften – ob Deutschland oder das westafrikanische Gambia, ob Baden-Württemberg oder Filderstadt – wir sind alle in einem Entwicklungsprozess. Nicht umsonst gelten die neuen nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs) für alle Länder.

Für die kommunale Ebene ist wichtig, dass klare Vorgaben und Visionen entwickelt werden – nicht zuletzt um Legitimation für Maßnahmen zu erfahren und Feuer zu entfachen. Freiwillige Absichtserklärungen, konsequenzlose Emissionsreduktionsziele und kleine Budgets schaffen dies nicht ausreichend. In den Kommunen werden wir Erfolge feiern könne, aber auch die Diskrepanz zwischen Zielen und tatsächlicher Umsetzung sehen. In der Kommune bekommen die Energiewende und der Klimaschutz ein Gesicht!

 

 

http://energiewende.baden-wuerttemberg.de/de/e-mit-engagement/gastkolumne/vom-wissen-zum-handeln-die-herausforderung-der-umsetzung-von-klimaschutzzielen/