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Felix Schäfer über Energiegenossenschaften

Interview

Felix Schäfer über Energiegenossenschaften

Felix Schäfer ist Vorstandsmitglied der Bürgerwerke in Heidelberg, ein Verbund von 35 Bürgerenergiegenossenschaften in ganz Deutschland. Im Interview erklärt er den Grundgedanken von Bürgerenergiegenossenschaften und begründet seine Meinung, warum sie im Strommarkt der Zukunft eine wichtige Rolle spielen.

Sehr geehrter Herr Schäfer, was ist der Sinn und Zweck von Bürgerenergiegenossenschaften?

Felix Schäfer: Ganz grundsätzlich geht es darum, dass wir Anlagen für Erneuerbare Energien errichten, die einer alleine niemals errichten würde. Für einen einzelnen Bürger wäre das zu viel. Es geht um auch um die Finanzierung solcher Anlagen, seien es die Errichtung einer Solaranlage auf einem Schuldach, einer Windkraftanlage oder die Einrichtung eines Nahwärmenetzes.

Wie ist Ihre Meinung: Was sind die Vorteile einer Bürgerenergiegenossenschaft gegenüber eines großen Energieunternehmens? 

Felix Schäfer: Wir als Bürgerenergiegenossenschaften sind überwiegend bei der Stromerzeugung aktiv. Im Gegensatz zu großen Kohle- und Atomkraftwerken werden Erneuerbare Energien Anlagen in kleinen Einheiten dezentral betrieben.  Dafür sind Bürgerenergiegenossenschaften sehr geeignet, weil sie vor Ort präsent sind. Mit ihren zentralistischen Strukturen kommen große Unternehmen viel schwerer mit den Bürgern vor Ort ins Gespräch, um die Umsetzung der vielen kleinteiligen Projekte voranzutreiben. Ein weiterer Vorteil der Energiegenossenschaften ist, dass jeder Bürger mitmachen kann. Damit wird Engagement und Geld der Bürger für die Energiewende mobilisiert. Die Akzeptanz wird gesteigert und die Wertschöpfung bleibt in der Region.

Aber die großen Energieversorger stehen auch für Versorgungssicherheit. Sie verfügen über Wissen und Ressourcen, die Bürgerenergiegenossenschaften nicht vorweisen können.

Felix Schäfer: Der Energiemarkt ist komplex und wird auch in Zukunft nicht einfacher. Daher müssen sich die Bürgerenergiegenossenschaften weiterentwickeln, wenn sie in diesem Markt mitwirken wollen. Das ist auch die Kernidee der Bürgerwerke: Gemeinsam Kompetenzen aufbauen und Ressourcen bündeln, um als leistungsfähiger Energieversorger  auftreten zu können. Zusammen mit unseren Partnern mit viel Erfahrung in der Energiewirtschaft können wir alles leisten, was auch die großen Energieversorger anbieten. Besser noch: wir konnten unsere Systeme von Anfang an auf die Bedürfnisse eines vollständig erneuerbaren Energieversorgers einrichten und können daher innovative Stromprodukte anbieten.

Können Sie uns ein Beispiel aus der Arbeit Ihrer Bürgerenergiegenossenschaft geben?

Felix Schäfer: In der Nähe von Heidelberg hat die Heidelberger Energiegenossenschaft auf dem Dach einer Mehrfamilienhaus-Siedlung mehrere Solaranlagen errichtet, von denen dann der erzeugte Strom an die dort lebenden Mieter geliefert wird. Da der Strom direkt vom Dach zum Verbraucher fließt, werden die Netze entlastet. Mit dem Modell können auch Menschen ohne eigene Dachflächen günstigen Solarstrom beziehen. Das Zukunftsmodell wurde 2014 mit dem Deutschen Solarpreis ausgezeichnet.

Wer kann bei einer Bürgerenergiegenossenschaft mitmachen?

Felix Schäfer: Wir sind offen für jedermann. In der Regel kommen Privatpersonen zu uns, aber auch Vereine und Kommunen.

Als Bürgerwerke sind Sie Dachverband für 35 Bürgerenergiegenossenschaften in ganz Deutschland. Was bieten Sie Ihren Mitgliedern?

Felix Schäfer:  Wir können uns heutzutage nicht mehr auf den Strommarkt verlassen, den die Großunternehmen schaffen. Wir müssen uns neue Perspektiven erarbeiten, Strom zu erzeugen und zu vermarkten. Deshalb wollen wir das gemeinsam machen, als Verbund von Bürgerenergiegenossenschaften. Wir sind von reinen Stromerzeugern zu Stromerzeugern und –vermarktern geworden. Wir schaffen dadurch einen regionalen Markt für Strom.

Warum können Sie sich – aus Ihrer Sicht – nicht mehr auf den Strommarkt verlassen?

Felix Schäfer: Die garantierte Einspeisevergütung für Strom, die Betreiber von Erneuerbare-Energien-Anlagen bisher erhalten haben, wird politisch nach und nach abgeschafft. Betreiber werden stattdessen verpflichtet, über sogenannte Direktvermarkter ihren Strom an den Markt zu bringen. Zu welchem Preis der Strom am Ende vermarktet werden kann, ist zunehmend unsicher. An der Strombörse sind die Preise auf einem historischen Tief, nicht zuletzt weil die Preise für CO2-Zertifikate im Keller sind und die externen Kosten von Kohlestrom nicht eingepreist werden. Daher brauchen wir alternative Absatzmärkte, etwa die Direktbelieferung von Endkunden, um unseren Strom auch in Zukunft kostendeckend vermarkten zu können.

Wie ist Ihre Prognose: Liegt die Zukunft der Stromerzeugung und –vermarktung bei den Bürgerenergiegenossenschaften?

Felix Schäfer: Im Strommarkt der Zukunft werden verschiedene Akteure verschiedene Rollen einnehmen. Wir müssen schauen, dass wir unabhängig von den Großunternehmen werden, damit wir nicht irgendwann die Anlagen, die wir selbst errichtet haben an die Großkonzerne verkaufen müssen. Um Strom regional zu vermarkten: Da brauchen Sie jemanden, der vor Ort ist, die Bürger kennt und dort die Vermarktung abwickelt. Darin sehe ich die Zukunft der Bürgerenergiegenossenschaften.

Mehr über die Bürgerwerke - Energie in Gemeinschaft unter www.buergerwerke.de.


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