Interview


Energiewende in der Stadt mit Mieterstrom

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„Um in der Stadt regenerative dezentrale Energie erzeugen zu können, müssen wir auf die Dächer und in die Keller. Mieterstrom stellt für uns deshalb einen wichtigen Beitrag für die Energiewende in der Großstadt dar.“ (Kaj Mertens-Stickel von der Solar-Bürger-Genossenschaft eG)

Die gesetzlichen Anforderungen an Mieterstrommodelle sind komplex. Eigentümergemeinschaften scheuen oft den hohen Aufwand. Dienstleister mit Erfahrung in diesem Bereich können dabei viel Arbeit abnehmen und so Mieterstrommodelle zum Erfolg führen. Kaj Mertens-Stickel von der Solar-Bürger-Genossenschaft eG in Freiburg erklärt im Interview die Einzelheiten. 

Was ist eine Bürger-Energiegenossenschaft?

In Deutschland gibt es über 1.000 Bürger-Energiegenossenschaften. Das sind häufig kleine, regional orientierte Genossenschaften wie unsere mit rund 200 Mitgliedern. Die Idee dahinter ist meist ähnlich: Bürger, die keine eigene Fläche für ein Windrad und kein Dach für eine Solaranlage haben, können sich zusammentun, gemeinsam eine Anlage finanzieren und sie auf einer gemieteten Fläche umsetzen. 

Wie können sich Bürgerinnen und Bürger konkret beteiligen?

Die Mitglieder einer Energiegenossenschaft sind mit Genossenschaftsanteilen wirtschaftlich beteiligt. Die meisten Genossenschaften haben einen Mindestanteil von 100 €. Man kann sich also bereits mit kleinen Beträgen einbringen. Zusätzlich bieten viele Genossenschaften die Möglichkeit, sich mit Darlehensverträgen an konkreten Projekten zu beteiligen. Dafür werden Laufzeiten und garantierte Zinssätze festgelegt. Genossenschaftsmitglieder können sich auch aktiv engagieren und mitentscheiden, welche Projekte umgesetzt werden sollen. 

Warum hat sich die Solar-Bürger-Genossenschaft entschieden, in Mieterstrom zu investieren? 

Als die ersten Genossenschaften zwischen 2005 und 2010 entstanden, gab es eine sehr hohe Einspeisevergütung. Da war es einfach: Man hat eine Solaranlage auf einem Dach aufgebracht und einen Einspeisevertrag mit dem Netzbetreiber abgeschlossen. Dann gab es jedoch mehrere Gesetzesänderungen und die Einspeisevergütung wurde immer niedriger. 

Heute muss in fast allen Fällen ein Teil des Stroms direkt verkauft werden, um eine Solaranlage wirtschaftlich zu betreiben. Eine Option dafür ist Mieterstrom.
In einem Wohngebäude müssen Privatleute einen vergleichsweise hohen Strompreis zahlen und sind deshalb für eine Entlastung dankbar. Wenn wir diesen Strompreis ansetzen, bleibt nach Abzug der EEG-Umlage und der Umsatzsteuer mehr übrig als bei der reinen Einspeisung ins Netz. So können wir eine Solaranlage finanzieren, obwohl die Einspeisevergütung niedrig ist. 

Mieterstrom ist außerdem ein wichtiger Beitrag für die Energiewende in der Großstadt. Die meisten Energiegenossenschaften sind auf dem Land tätig. Da gibt es große Bauernhofdächer, Freiflächen, Biogasanlagen, Zugang zu Holz und viele Standorte für Windkraftanlagen. In der Großstadt hingegen gibt es nur die Dächer und Keller. Damit wir auch in der Stadt in der Lage sind, dezentral regenerative Energie zu erzeugen, müssen wir uns also an die Dächer und die Keller halten – und damit an Solaranlagen und Blockheizkraftwerke. Gerade die Mietshäuser sind bislang die, die am wenigsten bestückt sind.

Warum gibt es bisher so wenige Photovoltaikanlagen auf Mietshäusern? 

Insbesondere die Wohnungseigentümergemeinschaften tun sich schwer: Warum sollen sie sich eine Photovoltaikanlage aufs Dach bauen, wenn sie wirtschaftlich nicht profitieren und der eine oder andere sogar noch Risiken befürchtet? Zusätzlich muss man sich auch um die Anlage kümmern und später den Strom verkaufen. Dazu fehlen den meisten Verwaltungen und Eigentümergemeinschaften Kapazitäten und Know-how. 

Deshalb haben wir uns als Energiegenossenschaft überlegt, auf die Wohnungseigentümergemeinschaften zuzugehen und ihnen anzubieten, den kompletten administrativen Aufwand und die finanziellen Risiken abzunehmen. Der Vorteil bei der Energiegenossenschaft ist, dass die Eigentümer, die gerne in eine Solaranlage oder ein Blockheizkraftwerk investiert hätten, sich dann über die Genossenschaft beteiligen können. Außerdem binden wir über das Mieterstrommodell auch die Mieter mit ein, was sehr attraktiv ist.

In Freiburg haben Sie gemeinsam mit dem Wohnprojekt „schwereLos“ die erste Freiburger Solaranlage nach dem neuen Mieterstromgesetz gebaut. Was bedeutet das?

Die Mieter des Wohnprojekts „schwereLos“ hatten entschieden, dass sie eine Photovoltaikanlage auf dem Dach haben und den erzeugten Strom selbst nutzen möchten. Wir haben dann die komplette Planung und Umsetzung übernommen. Da es sich um einen Neubau handelte, lagen zwischen dem Erstkontakt und der Inbetriebnahme der 25 kWp-Anlage (Kilowatt Peak) zwei Jahre. Die Mieterstromanlage versorgt nun die 54 Bewohner des Hauses und eine Kita. Für den Strom, den die Bewohner und die Kita direkt von der Solaranlage beziehen, erhalten wir eine gesetzlich festgelegte Förderung – den sogenannten Mieterstromzuschlag. 

Gab es Schwierigkeiten bei der Umsetzung nach dem Mieterstromgesetz? 

Da alles neu für uns war, mussten wir uns erst einmal über das beste Vorgehen klar werden. Die Entwicklung des Mieterstromgesetzes fiel gerade in die Zeit, in der wir dieses Projekt durchkalkuliert und uns überlegt haben, wie wir das Wohnprojekt „schwereLos“ unterstützen können.

Eine Schwierigkeit, die mit dem Mieterstromgesetz zusammenhängt: Wir müssen den Strom 10 % günstiger anbieten als der regionale Netzbetreiber in seinem Grundversorgertarif. Das gilt für den gesamten im Haus verkauften Strom, inklusive Zusatzstrom und Grundpreis. Da wir jedoch einen festen Preis anbieten müssen und nicht erst am Ende des Jahres anhand der Anteile von Solarstrom und Zusatzstrom den Strompreis ausrechnen können, war die Wirtschaftlichkeitskalkulation sehr kompliziert. 

Bei der Umsetzung, auch unabhängig vom Mieterstromgesetz, fehlt es vielen Elektrikern noch an Erfahrung mit den Messkonzepten und den technischen Anforderungen bei Stromerzeugungsanlagen in Häusern mit mehreren Parteien. Das kann dazu führen, dass viel Geld in ein aufwendiges Zählermodell investiert wird, das gar nicht unbedingt benötigt wird.

Haben Sie Verbesserungsvorschläge für das Mieterstromgesetz?

Wenn es mehr Mieterstrom geben soll, müsste das Gesetz meines Erachtens stark vereinfacht werden. Z. B. sind aktuell Meldungen an vier Institutionen vorgeschrieben. Das sorgt für viel Aufwand. Ein weiteres Problem ist, dass die Mieterstromförderung selbst mit sinkender Einspeisevergütung dahinschwindet. Die EEG-Umlage, die wir voll abführen müssen, jedoch nicht. Die Regelung sollte meines Erachtens dahingehend geändert werden, dass Mieterstrom genauso behandelt wird wie Eigenstrom: eine Reduzierung der EEG-Umlage ohne weitere Auflagen.

Wie können Eigentümer und Mieter selbst aktiv werden?

Eigentümer sollten die Miteigentümer und die Verwaltung frühzeitig und umfassend über die Chancen und Risiken sowie über die Möglichkeiten zu Finanzierung und Betrieb informieren. Unterstützen können hier die Kommune oder die regionalen Energiegenossenschaften. Denn wer sich vor der beschlussfassenden Versammlung schon eine Meinung gebildet hat und gut informiert ist, wird sich in der Diskussion nicht so leicht verunsichern lassen. 

Mieter sollten ihre Vermieter einfach auf die Möglichkeit des Mieterstroms ansprechen. Insbesondere dann, wenn sie erfahren, dass eine Dachsanierung ansteht oder die Heizung erneuert wird. Einmal mehr mit dem Nachbarn reden, das kann schon viel anstoßen.

 

Kaj Mertens-Stickel ist seit 2011 im Vorstand der Solar-Bürger-Genossenschaft eG Freiburg („solargeno“). Zu ihren Aufgaben zählen die Verwaltung, Mitgliederkommunikation, Öffentlichkeitsarbeit, Projekt- und Strategieentwicklung. Gemeinsam mit dem Wohnprojekt „schwereLos“ hat die „solargeno“ in Freiburg die erste Mieterstromanlage nach dem Mieterstromgesetz umgesetzt.


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