Best Practice: Interview Flughafen


Flughafen Stuttgart im Portrait: Mehr als nur An- und Abflug

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Im Sommer 2018 beantwortet Walter Schoefer, Sprecher der Geschäftsführung Flughafen Stuttgart, Fragen rund um den Energiebedarf des Flughafens, die Eigenversorgung und das Management des eigenen, lokalen Smart Grid vor Ort.

Sehr geehrter Herr Schoefer, wie hoch ist der jährliche Energiebedarf des Flughafen Stuttgarts und wie wird dieser gedeckt?

Der Betrieb des Flughafens benötigt viel Energie: Der Verbrauch ist vergleichbar mit dem einer Kleinstadt. Es werden große Terminalgebäude klimatisiert, immer mehr Vorfeldfahrzeuge sind elektrisch unterwegs und auch die LED-Befeuerung der Runway leuchtet nicht ohne Strom. Letztes Jahr hat unser gesamter Standort knapp 99 GWh (Gigawattstunden) Energie bezogen. Wir als Flughafenbetreiber sind nicht der einzige Verbraucher, auch alle unsere Mieter auf dem Campus zählen dazu. Einen Teil produzieren wir selbst vor Ort in einem gasbetriebenen Blockheizkraftwerk und mit 15.000 qm Solarpanels. Was wir darüber hinaus zukaufen, um unseren Bedarf zu decken, stammt seit 2014 zu 100 % aus erneuerbaren Quellen.  

Herr Schoefer, könnten Sie bitte erläutern, welche allgemeinen Ziele bezüglich der Energieversorgung und insbesondere dem Anteil an erneuerbaren Energien bis 2020 für den Flughafen gesetzt wurden?

Die baden-württembergische Landesregierung hat mit dem Klimaschutzgesetz bereits Vorgaben gemacht. Danach soll bis zur Jahrhundertmitte der Energieverbrauch um die Hälfte sinken, erneuerbare Energien sollen einen Anteil von 80 % erreichen und es sollen 90 % weniger Treibhausgase ausgestoßen werden. Wir haben uns selbst ein noch ambitionierteres Ziel gesetzt: Bis 2050 wollen wir den Flughafen Stuttgart komplett klimaneutral betreiben. Dahinter steckt unsere Nachhaltigkeitsstrategie fairport STR, mit der wir dauerhaft einer der leistungsstärksten und nachhaltigsten Flughäfen in Europa sein wollen.
Um unsere CO2-Emissionen zu senken, müssen wir z. B. unsere Solaranlagen deutlich erweitern. Außerdem müssen Neubauten und Sanierungen höchste Energiestandards erfüllen. Die anstehende Erneuerung unseres Terminal 4 soll hier den Weg weisen. 

Die schwankende Erzeugung aus erneuerbaren Energien erfordert Maßnahmen, um die Versorgungsicherheit und Netzstabilität zu erhalten. Würden Sie bitte etwas über das Projekt erzählen, in welchem sich die Flughafen Stuttgart GmbH (FSG) beteiligt, um in dieser Thematik neue Erkenntnisse zu erlangen?

Für einen Flughafen ist eine unterbrechungsfreie Stromversorgung essentiell. Denn: Sicherheit hat im Luftverkehr immer höchste Priorität. Für den Ernstfall eines Black-outs sollte ein Airport also zumindest zu einem gewissen Grad energieautark sein. Bei uns stehen dafür Notstromaggregate bereit. Mit Blick auf die Energiewende halten wir es darum nur für konsequent, dass wir uns an der Diskussion beteiligen. 

Der Flughafen Stuttgart hat dabei eine spezielle Rolle: Er ist ein Energieprosument – das heißt Produzent und Konsument in einem. Die Schwankungen, die im Netz entstehen, weil Sonne und Wind naturgemäß nun mal nicht konstant ergiebig sind, machen sich für uns darum doppelt bemerkbar. Wir können helfen, das Netz zu stabilisieren, indem wir uns an Angebot und Nachfrage anpassen. 2015 waren wir das erste Unternehmen in dem Pilotprojekt „Demand Side Management Baden-Württemberg“ des Umweltministeriums, das seine Flexibilität vermarktete. 

„Demand Side Management“ ist ja relativ neu und bedeutet, den Stromverbrauch flexibel an die Stromnachfrage anzupassen und aktiv zu steuern. Welche Anreize waren ausschlaggebend für die FSG, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen?

Neben der Versorgungssicherheit spielten für uns auch ökologische Aspekte eine Rolle. Wir wollen aktiv zur Energiewende beitragen. Um unsere Klimaziele zu erreichen, werden wir weiter auf Strom aus regenerativen Quellen setzen. Mit „Demand Side Management“ gelingt uns dabei eine intelligentere Steuerung, um die Nachfrage an Wind- und Solarenergie in Einklang mit dem Angebot zu bringen. Nicht zuletzt steigt durch unsere Beteiligung an dem Pilotprojekt auch die Fachkompetenz unserer Mitarbeiter zu Zukunftsthemen dieser Art.

Welche Erfahrungen haben Sie durch das Projekt gemacht, die dazu beitragen können „Demand Side Management“ zukünftig noch mehr zu etablieren?

Die Praxis hat gezeigt, dass wir durch das zeitweise Abstellen unserer großen Verbraucher, wie den Lüftungsanlagen oder der Kältemaschinen der Terminals, Erlöse erwirtschaften können. Das ist immer dann der Fall, wenn wenig Strom im Netz ist, gleichzeitig aber eine hohe Nachfrage besteht. Dann sind wir mittels unserer Speicher in der Lage, unsere Flexibilität zu vermarkten. Ich denke, das ist für viele andere Unternehmen ebenfalls ein attraktives Modell.

Auch Energiemanagement und ein effizienter Umgang mit Energie spielen eine wichtige Rolle. Was wurde in dieser Hinsicht im Flughafen Stuttgart unternommen, um dies zu verbessern?

Unser Tochterunternehmen Flughafen Stuttgart Energie GmbH (FSEG) ist – wie der Name schon sagt – auf Energie spezialisiert. Sie ist unser eigener Dienstleister hier am Airport und versorgt den kompletten Campus. Das Energiemanagement der FSEG ist schon seit 2012 nach der internationalen Norm ISO 50001 zertifiziert. Sie ist damit national und international Vorreiter in der Branche. 

Das Energiemanagement am Airport setzt an allen Stellen an. Zuletzt haben wir jede der 1.500 sogenannten Feuer auf der Start- und Landebahn des Flughafens von Halogen- auf LED-Technik umgestellt. Im Vergleich sparen wir so rund 60 % Energie. Die Leuchtdioden sind außerdem auch deutlich langlebiger. Wir haben an dem Nachhaltigkeitsprojekt auf der Runway ein Jahr lang gearbeitet und rund 5 Mio. € investiert.

Der Flughafen Stuttgart ist nicht nur ein Flughafen, sondern stellt auch einen Energieproduzenten dar. Welche Best Practice Erkenntnisse kann die FSG anderen Betreibern weiterreichen?

Innovative Technologien einzusetzen hat sich für uns in der Vergangenheit bezahlt gemacht. 2014 gelang es uns bspw., durch den Bau eines neuen, hocheffizienten Blockheizkraftwerks unser damaliges Klimaziel schon frühzeitig zu erreichen. Aber auch intelligente Software ist nicht mehr wegzudenken. Mit unserem sensorbasierten Datensystem konnten wir z. B. unsere Bedarfsprognosen und damit den Stromeinkauf an den Börsen optimieren. 

Wir bauen darauf, dass in der Zukunft die Energieproduktion in Solaranlagen noch effizienter wird und bessere Speichermöglichkeiten auf den Markt kommen. Unser Langstreckenziel Klimaneutralität werden wir nur erreichen, wenn wir uns den technologischen Fortschritt zu Nutzen machen. 



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