Teil 2: Neue Herausforderungen für unser Energiesystem

Serie Strommarktdesign (Teil 2)

Neue Herausforderungen für unser Energiesystem

Immer mehr Strom aus regenerativen Energien wird auch in Baden-Württemberg produziert. Überkapazitäten haben inzwischen jedoch das Preisgefüge am Strommarkt verändert. Der so entstandene Wettbewerbsdruck nimmt weiter zu: Manche Betreiber von Kraftwerken sind nicht mehr in der Lage, ihre Kosten durch den Verkauf vom Strom zu decken. Es wird immer absehbarer, dass viele Anlagen schon vor dem Erreichen ihrer maximalen technischen Lebensdauer aus Wirtschaftlichkeitsgründen vom Netz gehen müssen. Hinzu kommt der Ausstieg aus der Kernenergie. Die Versorgungssicherheit, so mahnen Kritiker, sei spätestens ab 2022 gefährdet. Die Einführung der verschiedenen Reserven schafft allerdings mehr Sicherheit.

Die Energiewende setzt in Baden-Württemberg eine klare Zielmarke: 2050 sollen rund 80 % des Stroms aus regenerativen Energiequellen stammen. Aktuell beträgt der Anteil der Erneuerbaren an der Stromerzeugung bei uns in Baden-Württemberg knapp 24 %. Angestrebt ist eine Quote von 38 % bis 2020, sagt Umweltminister Franz Untersteller. Insbesondere in den Ausbau der Windenergie soll trotz der jüngst erzielten Erfolge noch weiter investiert werden.

Fehlende Investitionsanreize durch niedrige Strompreise

So vielversprechend diese Zahlen sind, so schwierig wird es am Strommarkt angesichts der immer größeren Mengen verfügbaren Stroms aus Wind-, Sonnen- oder Wasserkraft. Denn: Der wachsende Anteil der erneuerbaren Energien im Strommarkt übt Druck auf die Großhandelspreise aus. Dies wirkt sich vor allem negativ auf die Wirtschaftlichkeit der fossilen Kraftwerke aus. Sie schaffen es kaum noch, vollkostendeckende Erlöse zu erwirtschaften, was im Energy-only-Markt ohnehin schwierig ist.

Der aktuelle Markt schafft nur dann Investitionsanreize, wenn in ausreichendem Maß Preisaufschläge in Zeiten von Knappheit eintreten. Das ist jedoch aufgrund des hohen Wettbewerbsdrucks durch Überkapazitäten kaum der Fall. Zwar soll sich die Wirtschaftlichkeit der Kraftwerke laut einer Studie des Bundeswirtschaftsministeriums durch den Abbau von Überkapazitäten mittelfristig wieder verbessern, doch die Stimmung bei den Akteuren ist gedrückt.

Die Folge: Versorger nehmen Kraftwerke vom Netz

Insgesamt haben Energieunternehmen in Deutschland bis April 2018 bei der Bundesnetzagentur 107 Kraftwerke mit einer Gesamtleistung von rund 22 GW (Gigawatt) zur Abschaltung angemeldet. Zum Vergleich: Die 2011 nach den Ereignissen in Fukushima stillgelegten acht Atomkraftwerke verfügten über eine Leistung von zusammen 8 GW. Durchgeführt wurde bislang die Abschaltung von 42 der angemeldeten 107 Kraftwerke. Diese befinden sich zumeist in Norddeutschland und gelten als nicht „systemrelevant“ – da es dort ausreichend Kraftwerksleistung gibt. In Süddeutschland gingen im Sommer 2016 die Blöcke 3 und 4 des Großkraftwerks Mannheim mit einer Leistung von zusammen 405 MW (Megawatt) vom Netz. Im Kernkraftwerk Gundremmingen wurde 2017 Block B abgeschaltet. Die sichere Stromversorgung im Land ist dadurch jedoch nicht gefährdet.

2022: Deutschland ohne Atomstrom

In nicht allzu ferner Zukunft steht eine weitere Herausforderung für das deutsche Energienetz an. 2022 werden in Deutschland die letzten zwölf Atomkraftwerke nach gesetzlichem Beschluss abgeschaltet. Ihre sogenannte installierte Leistung – die Maximalleistung der installierten Generatoren – beträgt rund 12 GW. Auch hier hilft ein Vergleich zum Verständnis: Die gesamte installierte Nettonennleistung beläuft sich in Deutschland (Kraftwerksliste Bundesnetzagentur, Stand 16.11.2016) auf rund 204 GW. Hiervon machen erneuerbare Energien mit rund 48 % einen beachtlichen Anteil aus. Allein auf Photovoltaik- und Windenergieanlagen entfallen rund 85 GW – das Siebenfache der abzuschaltenden AKWs. Dennoch werden, auch angesichts wind- und sonnenarmer Zeiten, verstärkt Fragen nach der Versorgungssicherheit laut und wie diese auch in Zukunft gewährleistet werden kann. Mehr Hintergrundinformationen finden Sie auch in unserer Serie zu diesem Thema.

Dringende Aufgabe: integrierter europäischer Markt

Ein neues Strommarktdesign für Deutschland muss auch im europäischen Kontext gedacht werden. Obwohl in den vergangenen Jahren ein beschleunigter Prozess der Marktkonzentration zu beobachten war, steht ein vollendeter europäischer Strombinnenmarkt noch immer aus.

Mehr über alternative Modelle eines Kapazitätsmarktes jenseits eines flexibilisierten EOM erfahren Sie im abschließenden Teil 3 unserer Serie.

Die Energielandschaft wandelt sich. Und aus Wandel entsteht die Wende – die Energie-wende. Das verändert auch den Strommarkt. Immer mehr Energie aus Wind- und Sonnenkraft fließt ins System und verdrängt konventionell erzeugten Strom aus Kohle- und Atomkraftwerken. Für das Strommarktdesign heißt das: Erneuerbare Energien müssen integriert werden, neue Investitionsanreize für den Umbau des Energiesystems müssen entstehen und die Versorgungssicherheit muss auch weiterhin jederzeit gewährleistet sein.

Denn eine der großen Fragen, die Verbraucher und Politiker gleichermaßen bewegt, lautet: Bleibt unsere Stromversorgung auch in Zukunft stabil? Reformen müssen her, soviel steht fest. Doch wie könnten die aussehen? Welche Herausforderungen ergeben sich dadurch für unser bestehendes Energiesystem? Muss die Vorhaltung von Kapazitäten stärker honoriert werden? Die Antworten auf solche und andere Fragen sind nicht leicht zu finden. Uns ist es trotzdem gelungen – mit unserer Serie zum Thema „Strommarktdesign“. 

Machen Sie sich Ihr eigenes Bild:

Teil 1: Unser Strommarkt heute

Teil 2: Neue Herausforderungen für unser Energiesystem

Teil 3: Alternative Lösungen für den Strommarkt

Teil 4: Energy-Only-Markt 2.0


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