Faktencheck Netzentgelt

Faktencheck

Netzentgelte treiben den Strompreis immer weiter in die Höhe - stimmt das?

  • Steckdosenleiste mit Kippschalter zum Ausschalten

2017 sei das teuerste Stromjahr aller Zeiten, brüskierte sich die Tagespresse kürzlich. Immer tiefer müssten Verbraucher in die Tasche greifen, schuld seien neben der EEG-Umlage inzwischen vor allem die hohen Netznutzungsentgelte. Was ist dran an diesen Meldungen? Und welche Rolle spielen dabei die Netzbetreiber? Wir gehen den Meinungen in unserem Faktencheck auf den Grund.

Die Behauptung:

Strom wird immer teurer, was vor allem an steigenden Netzentgelten liegt.

Richtig ist: Zwar liegen die Strompreise für private Haushalte mit einem Jahresmittel von 28,2 Cent pro Kilowattstunde für das Jahr 2017 in Deutschland tatsächlich auf einem Allzeit-Hoch, wie eine Auswertung des Verbraucherportals Verivox ergab. Fakt ist auch, dass der Verbraucherstrompreis im Mittel pro Kilowattstunde von 2005 bis 2013 um fast zehn Cent gestiegen ist. Jedoch: Die Strompreise für Haushalte in Baden-Württemberg sind zumindest in den vergangenen drei Jahren annähernd konstant geblieben. Damit liegt der Preisanstieg in diesem Segment mit 0,3 Prozent jährlich klar unter der allgemeinen Inflationsrate. Kurzum: Alles wird teurer, aber der Strom hält inzwischen annähernd seinen Preis.

 

Netzentgelte steigen vorübergehend

Neben der EEG-Umlage, die den Ausbau der erneuerbaren Energien dienen soll und mit knapp einem Viertel des Strompreises zu Buche schlägt, fallen inzwischen auch die sogenannten Netzentgelte ins Gewicht. 2017 machen sie ein gutes Viertel des Strompreises für Privathaushalte aus, aktuell gut sieben Cent pro kWh. Bereits 2006 waren die Netzentgelte mit 6,9 Cent auf einem ähnlichen Niveau, sind dann deutlich gesunken und lange stabil geblieben.

Was genau bezahlen Stromkunden mit dem „Netzentgelt“ eigentlich Monat für Monat? Es handelt sich per Definition um Gebühren, die Netzbetreiber Energieanbietern für die Durchleitung des Stroms in Rechnung stellen. Diese Kosten werden wiederum an den Endverbraucher als Teil des Strompreises weitergegeben. Sie ergeben sich aus den Kosten für Betrieb, Unterhaltung und Ausbau des Netzes und müssen vom jeweiligen Netzbetreiber transparent im Internet veröffentlicht werden.

Das Netzentgelt – auch als Netznutzungsentgelt bezeichnet – wird über die Anreizregulierung, die eine Erlösobergrenze für die Netzbetreiber festlegt und damit Anreize für Kostensenkungen setzt, reguliert und darüber hinaus durch gesetzliche Bestimmungen und Verordnungen wie das Energiewirtschaftsgesetz (EnWG) und die Stromentgeltverordnung (StromNEV) geregelt. 

 

Netzausbau für die Energiewende 

Stabile Netze sind nicht nur in Zeiten erneuerbarer Energien die Grundvoraussetzung für die sichere Versorgung mit Strom. Zu den dringenden Aufgaben gehört – neben dem sicheren Betrieb der Netze – aktuell der Ausbau der sogenannten Übertragungsnetze sowie der örtlichen Verteilnetze. Auch hierfür sind die Netzbetreiber verantwortlich. In Baden-Württemberg kümmert sich der Übertragungsnetzbetreiber TransnetBW um schnelle und flexible Übertragungsnetze, die auch zukünftigen Herausforderungen gewachsen sind. So wird der Südwesten spätestens nach Abschaltung der letzten verbliebenen Kernkraftwerke im Jahr 2022 voraussichtlich noch mehr Strom aus dem Norden Deutschlands beziehen. Dort sind die Bedingungen für den Ausbau der Windkraft besonders günstig, sowohl an Land als auch Offshore in Nord- und Ostsee. Derzeit werden zum Beispiel im Rahmen der Projekte Suedlink und Ultranet Höchstspannungsleitungen via ober- und unterirdischer Trasse von Norddeutschland in den Süden gebaut, um auch in Zukunft eine sichere Stromversorgung zu gewährleisten.

Die Netzentgelte dienen auch dem Ausbau der überregionalen und örtlichen Verteilnetze. Früher waren diese ausschließlich für den Transport des Stroms von den Übertragungsnetzen zu den Endverbrauchern da. Inzwischen sind aber auch viele Erneuerbare-Energie-Anlagen an die Verteilnetze angeschlossen. Haushalte mit Photovoltaikanlage versorgen sich nicht nur selbst mit Strom, sondern speisen überschüssige Energie ins Verteilnetz ein. Auch an diese dezentrale Struktur müssen die Betreiber das Stromnetz der Zukunft anpassen und ausbauen.

 

Maßnahmen zur Überbrückung

Während der Ausstieg der Kernenergie beschlossene Sache ist und der Ausbau der erneuerbaren Energien nach Plan verläuft, kommt der Netzausbau mit diesem Tempo nicht ganz mit. Nicht vor 2025 werden die notwendigen Trassen Windstrom aus dem Norden in den Süden leiten können. Daher nehmen vorübergehend die Eingriffe der Netzbetreiber, mit denen sie einen sicheren Netzbetrieb gewährleisten, zu. Das ist insbesondere das sogenannte „Redispatching“, was in etwa Neu-Einsatz bedeutet. Hierbei passen die Netzbetreiber den deutschlandweiten Einsatz der Kraftwerke an die Netzsituation an. Wenn etwa Strom im Norden für den Verbrauch im Süden oder im Ausland produziert wird, dieser aber aufgrund von Engpässen im Netz nicht nach Süden transportiert werden kann, muss der Netzbetreiber Kraftwerke im Norden anweisen, ihre Produktion zu drosseln, während Kraftwerke im Süden hochgefahren werden. Dabei werden möglichst zuerst konventionelle Kraftwerke und erst zuletzt erneuerbare Energien heruntergefahren. Dieser Einspeisevorrang ergibt sich aus dem Erneuerbare-Energien-Gesetz sowie aus der besseren CO2-Bilanz.

Auch hierbei entstehen zusätzliche Kosten, die über die Netzentgelte abgerechnet werden. Das mag eine Strompreiserhöhung für private Verbraucher und Unternehmer nach sich ziehen. Doch diese ist zum einen nur vorübergehender Natur, bis die Stromnetze in Deutschland an die neuen Herausforderungen angepasst sind. Mit ihrer Arbeit tragen die Netzbetreiber zum anderen elementar zur Sicherung der Stromversorgung bei. 

 

Preisvergleich lohnt auch weiterhin

Übrigens: Stromtarif ist auch in Zukunft nicht gleich Stromtarif. Es gibt weiterhin Unterschiede in der Preisgestaltung der einzelnen Anbieter. Strompreiserhöhungen sollten auch angesichts vorrübergehend steigender Netzentgelte verhältnismäßig sein. Kunden profitieren auch zukünftig vom Wettbewerb – und können den Anbieter im Fall des Falles jederzeit wechseln.

 

 


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