„Ein neuer Heizkessel allein ist oft nicht sinnvoll“

Warum es sich lohnt, beim Heizungstausch das ganze Haus in den Blick zu nehmen
Alte Kachelöfen und Einscheibenfenster aus den 1920er Jahren: Als Energieberaterin und Bauingenieurin sieht Monika Kurfeß vieles, was nicht unbedingt effizient ist. Doch wo anfangen – und wie finanzieren? Ihre Tipps für Eigentümer und Eigentümergemeinschaften verrät die Stuttgarterin im Interview.

Frau Kurfeß im Portrait
Monika Kurfeß ist Bauingenieurin und Energieberaterin. Für Ihre Kundinnen und Kunden übernimmt sie die gesamte Beratung und Projektabwicklung – von der Dachsanierung bis zur Kellerdämmung, vom Fenster- bis zum Heizungstausch. Meist geht es dann um Ein- oder Mehrfamilienhäuser im Bestand.

Meine Heizung ist kaputt – ich brauche eine neue. Was raten Sie mir, Frau Kurfeß?

Eine Heizung muss natürlich auf das Gebäude abgestimmt sein, z. B. ist wichtig, ob es um ein Ein- oder Mehrfamilienhaus geht. Mein wichtigster Tipp ist aber: so viel Sonnenenergie wie möglich nutzen. Die ist auf lange Sicht kostenlos und wird immer verfügbar sein.

Ist es nicht einfacher, einen neuen Kessel in den Keller zu stellen?

Vielleicht – aber es ist nicht sinnvoll. Meiner Erfahrung nach passt eigentlich auf jedes Dach eine Solaranlage, und wenn sie nur zur Brauchwasserbereitung ausreicht. 

Wo fange ich am besten an?

Wer eine neue Heizung braucht, dem empfehle ich eine Energieberatung bzw. einen anderen Experten, der sich auskennt. Und: Am besten gar nicht erst warten, bis die Heizung schon kaputt ist und dann schnell ersetzt werden muss. Sondern sich rechtzeitig Gedanken machen, wie es weitergehen kann. Mit einem neuen Kessel allein ist es ja nicht getan. Es ist auf jeden Fall sinnvoll, die Warmwasserbereitung einzubeziehen, gerade wenn es noch keine zentrale Warmwasserbereitung gibt. 

Was sollte man sonst noch bedenken?

Man muss das Haus immer als Ganzes betrachten: Lohnt es sich, die Warmwasserleitungen mit zu erneuern, die oft anfällig sind? Steht noch eine Wärmedämmung oder eine Dachsanierung an? Wenn man die Gebäudehülle ertüchtigt, muss ja die Heizung weniger leisten. Der Sanierungsfahrplan ist da sehr nützlich: Ein Energieberater entwickelt dann einen Plan für die nächsten Schritte und rechnet die einzelnen Maßnahmen und Varianten durch. 

Ihr Tipp, wie man das richtig angeht?

Am besten jemanden fragen, der sich auskennt – v. a. auch mit Fördermitteln: Bundesweit ist neben dem  BAFA die KfW Ansprechpartner, in Baden-Württemberg die L-Bank. Oft haben auch die Kommunen eigene, sehr gute Förderprogramme. Energieberater wissen, welche sich kombinieren lassen und helfen bei den Anträgen. Bei manchen Programmen können sogar nur bei der dena gelistete Experten den Förderantrag stellen.
 

Tübinger Altstadt
Was tun, wenn die Heizung raus muss? „Am besten jemanden fragen, der sich auskennt“, rät die Bauingenieurin Monika Kurfeß. In Bestandsgebäuden lassen sich oft große Einsparungen erreichen. Im Bild: die Tübinger Altstadt. // Copyright: Adobe Stock/Manuel Schönfeld

In Baden-Württemberg gilt das EWärmeG. Macht das die Sache nicht kompliziert?

Das Gesetz macht eine klare Ansage: 15 % des Wärmebedarfs müssen Sie aus Erneuerbaren decken. Dafür gibt es verschiedene „Erfüllungsoptionen“. Im Grunde funktioniert das wie eine Tabelle, aus der man ablesen kann, ob und zu wie viel Prozent die geplante Maßnahme die Anforderungen erfüllt. Als Energieberaterin ist es ja Teil meines Jobs, das zu erklären. Ich kann deshalb sagen: Das ist überhaupt nicht kompliziert. Wenn ich dann noch von den Fördermitteln erzähle, sind die meisten überzeugt. 

Haben Sie ein Rechenbeispiel?

Bei einer Wohnungseigentümergemeinschaft mit neun Einheiten schlugen die Heizungstauschmaßnahmen zuletzt mit 90.000 € zu Buche, inklusive neuem Gasanschluss, Solaranlage und neuen Leitungen. Über Fördermittel gab es 28 % Zuschuss. Das lohnt sich. Was außerdem auf jeden Fall etwas bringt, ist der Austausch der Fenster, v. a. bei Einscheibenfenstern und Baujahr 1925.

Sehen Sie häufig alte Heizungen?

Im Großraum Stuttgart stehen in älteren Gebäuden oft noch alte Kachelöfen, die Zimmer sind mit Gaseinzelöfen nachgerüstet. Mit Gasbrennwertkessel und Solarthermie lässt sich das gut ersetzen. Ist ja auch viel einfacher und komfortabler: Ich muss nur noch den Thermostat aufdrehen, keine Asche und kein Holz mehr schleppen. Stellt die Schornsteinfegerin oder der Schornsteinfeger bei der Inspektion Mängel fest, haben viele Eigentümerinnen und Eigentümer Informationsbedarf. Auch durch die aktuelle Energieeinsparverordnung steigt das Interesse an einer Energieberatung. 

Was ist da Ihr wichtigster Tipp? 

Gerade Wohnungseigentümergemeinschaften mit hohem Abstimmungsbedarf, also WEG, empfehle ich, früh anzufangen und Experten einzubinden – nicht erst, wenn der Schornsteinfeger die Anlage außer Betrieb setzen will. Die L-Bank bietet z. B. ein 0%-Kreditprogramm für WEG, das viele nicht kennen. Natürlich müssen die Verwalter dafür viele Papiere vorlegen, aber 0 % über 10 Jahre sind ein sehr gutes Angebot. Und es funktioniert ohne Eintragung einer Grundschuld. Das ist praktisch eine „negative Instandhaltungsrücklage“. Was ich auch empfehle: einen geplanten Heizungstausch auf jeden Fall im Sommer, in der heizungsfreien Zeit, anzugehen. 

Welche Frage hören Sie am häufigsten?

„Lohnt sich das überhaupt?“ Ich stelle dann immer die Gegenfrage: Was lohnt sich denn? Eine Wirtschaftlichkeitsberechnung mit Prognosen der Öl- und Gaspreise der nächsten 30 Jahre ist nicht seriös. Entscheidend ist auch, was mit dem Haus in den nächsten 10, 20, 30 Jahren passiert – so lange hält eine neue Heizung ja auf jeden Fall. Will ich das Haus auch so lange bewohnen? Oder will ich verkaufen? Dann steigert eine nachhaltige, moderne Heizung auch den Wiederverkaufswert. Eine andere Sache ist es, wenn das Haus perspektivisch abgerissen und das Grundstück neu bebaut werden soll.

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