„Ich vergleiche die Geräte gern mit Smartphones“

Arkadius Jarek ist beim Verteilnetzbetreiber Netze BW zuständig für den Wechsel der Stromzähler auf moderne Messeinrichtungen und intelligente Messsysteme. Im Gespräch erklärt er, was hier der Unterschied ist, wie die Geräte die Energiewende voranbringen sollen und was die größte Herausforderung bei der Umstellung ist.

Jarkadius Arek
Arkadius Jarek, Leiter Messstellenbetrieb bei der Netze BW

Herr Jarek, Sie arbeiten bei der Netze BW, dem größten Verteilnetzbetreiber in Baden-Württemberg. Dieser ist zuständig dafür, dass Strom, Gas und Wasser sicher bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern zuhause ankommen. Was ist Ihre Aufgabe dort?

Die Netze BW hat nicht nur die Marktrolle des Verteilnetzbetreibers, sondern sie ist auch Messstellenbetreiber. Das heißt: Wir sind auch verantwortlich für die Zähler bei unseren Kundinnen und Kunden. Ich leite den Bereich Messstellenbetrieb und bin hier zuständig für die Digitalisierung des Messwesens, aber auch für die Einführung der Smart Meter.

Derzeit ist Ihre größte Aufgabe die gesetzlich verpflichtende Umstellung der alten schwarzen elektromechanischen (Ferraris-)Stromzähler auf moderne Messeinrichtungen (digitale Zähler) oder intelligente Messsysteme (Smart Meter). Zunächst einmal: Was ist hier der Unterschied? 

Es geht darum, den mechanischen Zähler, der bisher mit seiner Drehscheibe im Keller sein Werk verrichtet hat, mit einem digitalen Zähler zu ersetzen. Und hier muss man differenzieren: Da gibt es zum einen die moderne Messeinrichtung. Das ist tatsächlich einfach ein digitaler Zähler. Was er gegenüber dem bisherigen Ferraris-Zähler mehr kann, ist das Speichern von Daten. Das heißt, die Kundinnen und Kunden können ihre Werte der letzten 24 Monate einsehen. Ergänzt man diese moderne Messeinrichtung mit einem Smart-Meter-Gateway [Kommunikationseinheit zur Datenweitergabe], wird daraus ein intelligentes Messsystem.

Bei wem werden denn welche Geräte installiert?

Alle Kundinnen und Kunden bekommen mindestens eine moderne Messeinrichtung. Ab einem Verbrauch von 6.000 KWh im Jahr sieht das Messstellenbetriebsgesetz den Einbau eines intelligenten Messsystems vor. Auch bei Kundinnen und Kunden, die selbst Strom ins Netz einspeisen, beispielsweise aus Photovoltaikanlagen,  muss bei einer Erzeugungsleistung von mehr als 7 KW zukünftig ein intelligentes Messsystem installiert werden. 

Wer hat Einsicht in die Daten, die mit dem Smart Meter erfasst werden?

Nur Marktteilnehmer, die gesetzlich dazu berechtigt sind haben Einsicht: Die Kundinnen und Kunden bekommen die Verbrauchs- oder Einspeisedaten im Kundenportal angezeigt. Den Strom- oder Energielieferanten werden die abrechnungsrelevanten Daten in der Regel einmal am Tag übermittelt. Und ab einem Verbrauch von 20.000 KWh stellen wir den Verteilnetzbetreibern auch Netzzustandsdaten bereit. Natürlich können wir auf Wunsch unserer Kundinnen und Kunden beispielsweise auch App-Anbietern Daten bereitstellen. Aber das setzt eine ausdrückliche Genehmigung voraus.

Wie werden die Daten eigentlich übermittelt? 

Das ist tatsächlich eine der größten Herausforderungen. Aktuell setzen wir vor allem auf Mobilfunk, also LTE. Bei der Einführung orientieren wir uns sehr stark an Prognosewerten und bedienen zunächst Kundinnen und Kunden, die eigentlich einen guten Empfang haben. Trotzdem müssen wir die Installation in 20-30 % der Fälle abbrechen, weil der Empfang im Keller nicht ausreicht. Deswegen arbeiten wir parallel auch an anderen Kommunikationstechnologien, zum Beispiel an einer Übertragung über das Stromnetz oder über die 450-MHz-Funkfrequenz.

Welche Schlüsse können Verteilnetzbetreiber aus den Daten ziehen? 

Bisher ist im Niederspannungsnetz noch relativ wenig Sensorik zur Datenmessung im Einsatz. Mit Hilfe von Smart Metern ist es künftig möglich, die Auslastung des Stromnetzes besser zu erfassen. Sie können außerdem bei der Steuerung des Verteilnetzes unterstützen und dabei helfen, den Ausbau des Verteilnetzes effizienter zu gestalten. 

Geschätzt erhalten aber nur ca. 10 % der Haushalte ein intelligentes Messsystem. Wenn nur so ein geringer Anteil der Kundinnen und Kunden ein Smart Meter bekommt, wie kann dann überhaupt der Netzzustand richtig ermittelt werden?

Es handelt sich dabei ja um die Haushalte mit dem höchsten Verbrauch bzw. mit der größten Einspeisung ins Netz. Damit sind sie aus Sicht der Verteilnetzbetreiber maßgeblich für die Beurteilung des Netzzustands. Natürlich hätte in einer idealen Welt jede Kundin und jeder Kunde so ein Messsystem. Dann könnte der Netzbetreiber den Zustand des Netzes aus der Gesamtperspektive sehen. 

„Es hat eine gewisse Zeit gedauert, diese hohen Sicherheitsstandards in massenfähige Smart Meter umzusetzen.“

Mit den intelligenten Messsystemen versprechen sich die Netzbetreiber eine effektivere Nutzung der Netze. Die Geräte der ersten Generation können teilweise keine Echtzeitdaten bereitstellen, eine Steuerungsfunktion gibt es nicht, Ladestationen von E-Autos können nicht mit den Smart Metern kommunizieren – wie smart sind die Smart Meter wirklich?

Ich vergleiche die Geräte gern mit Smartphones. Wenn wir da an die erste Gerätegeneration zurückdenken, dann erfüllten sie vor allen die eine, damals zentrale Funktion: Man konnte telefonieren. Die aktuelle Messgeräte-Generation, die für den Start des Smart-Meter-Rollouts vom BSI [Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik] zertifiziert ist, enthält alle Grundfunktionen. Sie kann zudem Netzzustandsdaten ermitteln und die Ist-Einspeisung messen. Darüber hinaus könnten die Smart Meter auch Sekundendaten bereitstellen – auch wenn hierfür noch Anwendungen fehlen. Es ist aber heute schon technisch machbar, dass die Kundinnen und Kunden z. B. über eine Geräteerkennung sehen können, wie effizient ihre Geräte sind.

Die Kosten für die neuen Systeme tragen die Verbraucherinnen und Verbraucher. Wenn ich z. B. mit einer Photovoltaikanlage Strom einspeise und pro Jahr ca. 100 € dafür erhalte, aber ein Smart Meter ca. 60 € im Jahr kostet, dann lohnt sich das nicht wirklich.

Natürlich ist das mit gewissen Kosten verbunden, es kann in vielen Fällen aber auch Vorteile bringen. Angenommen, die Photovoltaikanlage auf dem Dach hat nicht den optimalen Wirkungsgrad, so dass man bei weitem nicht den Ertrag hat, der theoretisch möglich wäre. Ohne Smart Meter würde man das nie bemerken und hätte keine Möglichkeit, die Anlage zu optimieren. Der Smart Meter ist aber vor allem auch ein wichtiger Baustein der Energiewende. Er hilft dabei, das Stromnetz intelligent zu gestalten, Erneuerbare Energien zu integrieren und den Netzausbau zu optimieren. Und von einem effizienten und leistungsstarken Stromnetz profitieren schließlich wir alle.

Welche Funktionen sollen die intelligenten Messsysteme in Zukunft noch erfüllen?

Ich hatte vorhin schon den Vergleich zum Smartphone gezogen. Natürlich wird das intelligente Messsystem wohl nie wie ein Smartphone funktionieren. Dennoch steckt dahinter ein gewisser Plattform-Gedanke: das intelligente Messsystem als sicherer Kommunikationskanal, und zwar nicht nur für den Strombereich, sondern auch für mehrspartige Anwendungen. Durch das so genannte Submetering könnten dann bspw. sowohl Heizkosten oder auch Wasser und Gas abgelesen werden. Im Prinzip kann man an den Smart Meter ja jeden Sensor anschließen, den man sich vorstellen kann. Also auch Rauchmelder oder Sensoren, die die Feuchtigkeit oder die Luftqualität messen.

Letztes Jahr hat die Einführung der neuen Geräte begonnen. Wie weit sind Sie hier vorangeschritten?

Bei den modernen Messeinrichtungen sind wir seit 2017 im Rollout. Da haben wir aktuell ca. 450.000 installiert. Das sind ca. 18 % unseres Versorgungsgebiets. Bei den intelligenten Messsystem sind wir erst seit Frühjahr letzten Jahres dabei. Stand heute [02.03.21] haben wir 1.600 intelligenten Messsystemen verbaut. Das sind etwa 0,3 %.

Wie viele Smart Meter sollen dieses Jahr noch installiert werden?

Wir haben da natürlich die 10 %-Quote im Blick. Im Gesetz ist geregelt, dass 10 % [des Zuständigkeitsbereiches des Messstellenbetreibers] innerhalb von drei Jahren erreicht werden müssen. Bei den intelligenten Messsystemen haben wir hier noch jede Menge zu tun. In diesem Jahr planen wir, über 10.000 intelligente Messsysteme und über 100.000 moderne Messeinrichtungen zu verbauen. 

In anderen EU-Mitgliedsstaaten ist der vollständige Rollout von Smart Metern bereits seit letztem Jahr abgeschlossen – so wurde es schließlich von der EU seit 2009 festgelegt (Ziel: 80 % bis 2020). Deutschland lässt sich bis 2032 Zeit, um nur teilweise intelligente Messsysteme zu installieren. Warum dauert das so lange?

Wir haben in Deutschland sehr hohe Sicherheitsstandards – meiner Einschätzung nach die höchsten innerhalb der Europäischen Union. Es hat eine gewisse Zeit gedauert, diese hohen Sicherheitsstandards in massenfähige Smart Meter umzusetzen. Hinzu kommt ein sehr komplexer und außerdem unvollständiger rechtlicher Rahmen – z. B. beim Thema Steuerung der Messsysteme. Das erschwert und verlangsamt die Umsetzung. Da würden wir uns mehr Geschwindigkeit wünschen. 

 

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