„Start-ups spielen eine wichtige Rolle für den Technologietransfer“

Gutes Gründungsklima in Baden-Württemberg
Technische Innovationen und frische Ideen von jungen Unternehmen können dabei helfen, die Energiewende voranzubringen. Wir sprachen mit Prof. Dr. Thomas Hirth, Vizepräsident für Innovation und Internationales am KIT, über die Rolle baden-württembergischer Energie-Start-ups und über das Gründungsklima im Land.

Herr Prof. Dr. Hirth, welche Rolle spielen Start-ups in Baden-Württemberg, wenn es um Innovationen für die Energiewende geht?

Start-ups spielen eine wichtige Rolle für den Technologietransfer, also die Weitergabe von Ergebnissen aus Wissenschaft und Forschung an die Wirtschaft. Deshalb nimmt die Förderung von Start-ups des KIT viel Raum ein. Dass wir dabei auch einige Erfolge haben, bestätigen erfreulicherweise die großen Rankings wie der Deutsche Start-up Monitor und der Gründerradar: Beide sehen das KIT auf vorderen Plätzen der gründerfreundlichsten Hochschulen in Deutschland. Start-ups sorgen dafür, dass neue Ideen schnell auf den Markt kommen. Eines unserer Erfolgsbeispiele ist die INERATEC GmbH. Die hat 2018 für ihre innovative chemische Reaktortechnologie für Power-to-X-Anwendungen den Deutschen Gründerpreis in der Kategorie Start-up bekommen.

Neben den Übertragungsnetzen ist es auch wichtig, die Verteilnetze auszubauen und hin zu intelligenten Netzen zu entwickeln. Das ermöglicht es, erneuerbare Energien in großem Stil einzuspeisen und zu nutzen.

Ist Baden-Württemberg ein guter Standort für junge Unternehmen im Bereich Energie?

Ich halte Baden-Württemberg sogar für einen sehr guten Standort. Insbesondere die Technologieregion Karlsruhe eignet sich hervorragend für Start-ups im Energiebereich. Es gibt große Energieversorger und energieintensive Industriebereiche. Wir sind hier stark im Bereich Automobilindustrie und Zulieferer, aber auch bei IT-Dienstleistungen. Es gibt also ein Umfeld mit einer guten Kundenszene.
Auf der anderen Seite haben wir ein starkes Forschungsnetzwerk: das KIT, die Fraunhofer-Institute oder das Forschungszentrum Informatik, um nur einige der Akteure zu nennen. Dazu kommen viele erfahrene Gründerinnen und Gründer, die gerne junge Unternehmen unterstützen. Auch die räumliche Nähe zu Frankreich und zur DACH-Region ist ein Vorteil. Eine gute Industriestruktur, hervorragende Forschung und exzellente Netzwerke: Das sind die drei wichtigen Argumente für junge Unternehmen aus der Energiebranche, sich in Karlsruhe bzw. in Baden-Württemberg anzusiedeln.

Welche Angebote zur Unterstützung können Sie Gründerinnen und Gründern im Bereich Energie empfehlen?

Wir haben am KIT ein großes Team, das Gründerinnen und Gründer unterstützt, auch bei der Einwerbung von Fördermitteln. Wir haben Inkubatoren und können Räume und Infrastruktur zur Verfügung stellen. Gründungswillige können sich dafür gerne an uns wenden. Es gibt auch zahlreiche Veranstaltungen und Messen, die Gründerinnen und Gründer besuchen können. Bei unserem Innovationstag „Neuland“ können sich beispielsweise Gründungen präsentieren und so Investoren auf sich aufmerksam machen. Insgesamt ist gerade mit der Technologieregion Karlsruhe die Vernetzung zwischen Industrie und Wissenschaft sehr gut, davon können junge Energieunternehmen profitieren.

In welchen Bereichen wünschen Sie sich persönlich noch mehr Innovationen von Start-ups?

Großen Bedarf gibt es sicher noch im Bereich Energiespeicher: Batterien sind nach wie vor ein großes Thema. Auch bei der Energieeffizienz gibt es noch Verbesserungspotenzial: Wie und wo kann man Energie einsparen? Wie schafft man die bedarfsgerechte Verteilung von Energie bei dezentraler Erzeugung? Das sind Bereiche, in denen es noch viel Potenzial für Gründungen gibt.

Welche generellen Tipps haben Sie für Gründerinnen und Gründer in der Energiebranche?

Auf jeden Fall sollten Gründerinnen und Gründer jede Möglichkeit zum Austausch nutzen: mit anderen Gründern, mit Mentoren und auch mit uns am KIT. Wir coachen z. B. Start-ups, damit sie bei Pitches besser abschneiden.
Ein wichtiges Thema für junge Unternehmen ist das IP-Portfolio (Intellectual Property – geistiges Eigentum): Gründerinnen und Gründer sollten ihr Angebot und den Markt stets gut im Auge behalten und sich immer wieder fragen, wo sie aktiv werden können.
Womit sich viele Gründungen schwertun: Der Schritt von der Idee, also von dem, was im Labor funktioniert, in den Markt. Beim Thema Skalierung sollten sich Start-ups also schon sehr früh Unterstützung holen.

Was würden Sie gerne für Start-ups im Energiebereich verbessern?

Venture Capital ist für die Energiebranche in Deutschland nach wie vor ein schwieriges Thema, da wünsche ich mir noch mehr Unterstützung von Politik und Finanzwirtschaft. Zwar gibt es Förderprogramme, aber mehr privates Kapital, wie wir es z. B. aus den USA kennen oder in Deutschland im Bereich Life Science, täte auch der Entwicklung im Energiebereich gut.

Prof. Dr. Thomas Hirth, Vizepräsident für Innovation und Internationales des KIT
Prof. Dr. Thomas Hirth, Vizepräsident für Innovation und Internationales des KIT

Über Prof. Dr. Thomas Hirth

Thomas Hirth, geboren 1962 in Michelbach/Kreis Rastatt, studierte Chemie an der Universität Karlsruhe (TH), einer der Vorgängereinrichtungen des KIT. Er promovierte am Institut für Physikalische Chemie und Elektrochemie. 1992 bis 2007 war er in verschiedenen Positionen am Fraunhofer Institut für Chemische Technologie ICT in Pfinztal tätig, zuletzt als Produktbereichsleiter für Umwelt-Engineering.
Im Dezember 2007 wechselte er nach Stuttgart, wo er die Leitung des Fraunhofer-Instituts für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik übernahm. 2008 bis 2015 hatte er zudem eine Professur an der Universität Stuttgart und die Leitung des dortigen Instituts für Grenzflächenverfahrenstechnik und Plasmatechnologie inne. Von 2012 bis 2015 war er Prodekan der Fakultät Energie-, Verfahrens- und Biotechnik der Universität Stuttgart.
Hirth war von 2012 bis 2015 Mitglied im Präsidium der Fraunhofer-Gesellschaft und von 2014 bis 2015 Geschäftsführender Institutsleiter am Fraunhofer-Institutszentrum Stuttgart. Er war unter anderem der wissenschaftliche Koordinator des Spitzenclusters BioEconomy und von 2014 bis 2019 Vorsitzender des Lenkungskreises im Forschungsprogramm „Bioökonomie Baden-Württemberg“. Seit 1. Januar 2016 ist Thomas Hirth Vizepräsident für Innovation und Internationales des KIT.

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