Lokal, wirksam, ehrenamtlich

Ehrenamtlicher Einsatz für die Energiewende: Heinrich Blasenbrei-Wurtz spricht mit uns über Formen des Engagements, über Energiewende-Erfolge in seiner Region und über junge Bewegungen wie Fridays For Future.

Herr Blasenbrei-Wurtz, Sie setzen sich schon seit Jahrzehnten für den Ausbau erneuerbarer Energien in der Region ein. Wie hat Ihr Engagement seinen Anfang gefunden?

Ich habe als Wasserwirtschaftler lange in der alten Energiewelt gearbeitet. Dort habe ich bald eine Sinnkrise bekommen. Der Prozess zur Erzeugung des Wasserdampfes – mit zuvor gereinigtem und extra aufbereitetem Wasser – für den Antrieb der Dampfturbinen war extrem aufwändig. Und dabei konnten wir nur ein Drittel des Energieinputs tatsächlich in Strom umwandeln – zwei Drittel haben wir in die Atmosphäre weggelüftet oder Flüsse damit aufgewärmt. Da es wirtschaftlich uninteressant erschien, haben nur sehr wenige Kraftwerke die Abwärme für Fernheizungen genutzt.  
Mit den ersten großen Atomkatastrophen Harrisburg und Tschernobyl habe ich mich den – damals noch „Alternativenergien“ genannten – erneuerbaren Energiequellen und Techniken zugewandt.

Was motiviert Sie, sich weiterhin tatkräftig zu engagieren?

Als ich anfing, gab es im deutschen Stromnetz 4 % erneuerbare Energien. Heute sind wir bei über 40 %. Das macht doch Mut. Auf der anderen Seite werden immer noch Kriege um Öl und Gas geführt, ganz zu schweigen von den verheerenden Schäden, die Umwelt, Natur und Klima davontragen. 

Welche Rolle spielt freiwillige Beteiligung für die Energiewende?

Zahlreiche Initiativen und auch Finanzmittel für Windkraft, Solarenergie und Effizienztechnologien gehen meinem Eindruck nach von Bäuerinnen und Bauern, Bürgerinnen und Bürgern und von Stadtwerken aus. Oft standen und stehen die Erneuerbaren im direkten Wettbewerb mit konventionellen Energien. Ich sehe ehrenamtliches Engagement vonnöten, um den Erneuerbaren zum Durchbruch zu verhelfen.

Was hat sich in Bezug auf die Energiewende in Besigheim und Umgebung in den letzten Jahren getan? Auf welche Entwicklung sind Sie besonders stolz? 

Insbesondere seit dem Jahr 2000, mit dem Beginn der Bewegung „Lokale Agenda 21“ und dem Erneuerbare-Energien-Gesetz, gab es auch in Besigheim und Umgebung eine starke Dynamik zugunsten erneuerbarer Energien, Energieeinsparung und Effizienztechnologien. Aus dem Arbeitskreis Mobilität, Energie, Klima (MEK) aus der Agenda entstanden viele einzelne Initiativen, die bis heute tatkräftig in und um Besigheim wirken.
Besonders stolz bin ich darauf, dass wir mit der Lokalen Agenda und der ehrenamtlichen Initiative und Mitarbeit vieler Besigheimer Bürgerinnen und Bürger zahlreiche Energiewendeprojekte umsetzen konnten. Z. B. wurde die Bürger-Energiegenossenschaft Raum Besigheim gegründet – es beteiligten sich Menschen aus allen Gesellschaftsbereichen. Inzwischen werden so jährlich ca. 200.000 Kilowattstunden (kWh) Strom produziert und 120.000 kg an CO₂-Äquivalenten vermieden. Wir betreiben hier auf Initiative der Gemeinderatsfraktion „Bündnis Mensch und Umwelt“ (BMU) Energie-Contracting. Dank des ehrenamtlichen Engagements gibt es auf allen geeigneten städtischen Liegenschaften bürgerbetriebene Photovoltaikanlagen. Und ein weiteres schönes Projekt ist die Reaktivierung eines historischen Wasserrads an der Enz aus dem Jahr 1904: Ein Anwohner initiierte die Arbeit am Wasserrad, das mit über 1.000 ehrenamtlichen Arbeitsstunden von vielen Beteiligten zur Stromproduktion für 20 Haushalte reaktiviert werden konnte. 

Wer auch ein solches Kleinwasserkraft-Projekt plant, hat die Möglichkeit, hier die finanzielle Förderung der Umsetzung zu beantragen.
Die Erneuerbare Energien Route führt Interessierte zu den Orten, an denen in Besigheim Wasser-, Sonnen- und Windenergie generiert werden. Was bewirken Maßnahmen wie diese?

Die Erneuerbare Energien Route bewirkt v. a. die Verbreitung der Idee, wie man lokal einen nennenswerten Beitrag zur Energiewende und damit zum Klimaschutz leisten kann. Nachahmung ausdrücklich erwünscht! Hier zeigen wir von einem über 100 Jahre alten Wasserkraftwerk, das internationale Stromgeschichte mitgeschrieben hat, bis zur modernsten Windkraftanlage fast alles, was zur Vielfalt der fossil- und atomfreien Energien gehört.
Mit der Geschichte des Wasserkraftwerks können wir auch ein Bewusstsein dafür schaffen, dass die Ablösung der Öllampe durch elektrisches Licht und die Ablösung tierischer Kraft durch elektrische Maschinen erst hundert Jahre alt ist und dass die Fernübertragung von Strom erst mittels Wechselstrom möglich wurde.
Ebenfalls können wir hier demonstrieren, dass sich die Menschheit Jahrtausende lang ausschließlich der regenerativen Energien bedienen konnte und erst mit der Industrialisierung Kohle, Öl und Uran für sich nutzbar machte. Heute wendet sie sich wieder den „ursprünglichen“ Energien auf höchstem technischen Niveau zu, weil Öl, Kohle, Gas und Uran umweltschädlich, ineffizient und, die Folgekosten mit eingerechnet, extrem teuer sind. Die Geschichte der Energie ist auch eine Geschichte des „Trial and Error“.

Auf was kommt es an, um erfolgreich gemeinde- und kommunenübergreifend zusammenzuarbeiten?

Gemeinde- und kommunenübergreifend zusammenzuarbeiten, erhöht einfach die Flexibilität und Effizienz. In verschiedenen Gemeinden gibt es unterschiedliche Nutzungsmöglichkeiten und Potenziale. Eine Gemeinde verfügt über geeignete Hochflächen und kann deshalb Windkraft nutzen. Eine andere liegt im Tal und hat Zugang zu Fließgewässern, denen man Kraft und Wärme entziehen kann. Dazu kommt natürlich auch der menschliche Aspekt. Der eine Bürgermeister sieht in erster Linie die möglichen Konflikte in der Gemeinde bei der Errichtung eines Windparks, der andere sieht die Windräder vielleicht sogar als positive Landmarke. 
Erneuerbare Energien und Energieeffizienz umfassen einen großen Strauß unterschiedlicher Technologien, deren Wertigkeit in erster Linie an der CO₂-Vermeidung zu messen ist, aber auch an der örtlichen Verfügbarkeit und Machbarkeit. Lokaler Wettbewerb kann nützlich sein, aber sture Alleingänge sind nur hinderlich. Starke Netzwerke über Gemeindegrenzen hinweg dagegen sind hilfreich und zielführend.

Thema Generationenwechsel: Wie schätzen Sie die Bestrebungen der jüngeren Generation ein, Stichwort Fridays For Future (FFF)? Was kann Ihre Generation von den Jungen lernen – und umgekehrt?

Um die Jahrtausendwende, als der Hype der Erneuerbaren losging, war das keine Sache für die Jugend. Die Pioniere kamen aus der Anti-Atomkraft- und der Ökologiebewegung, das betrifft die Altersgruppe der heute über Fünfzigjährigen. Mit zunehmender Beweislage des menschengemachten Klimawandels und Fridays For Future ändert sich das, allerdings nicht von alleine. Wie der Name schon andeutet, sehen die Schülerinnen und Schüler sowie die Jugendlichen, dass ihre Zukunft gefährdet wird. Als Hauptverursacher werden Kohle, Öl und Gas wahrgenommen und das geht einher mit einer gewissen Skepsis gegenüber Technik. Wo Strom und Wärme in Zukunft herkommen sollen und wie Mobilität angetrieben werden soll, ist zunächst sehr abstrakt. Hier können die Jungen von uns Älteren lernen: Wenn wir miteinander ins Gespräch kommen und Vertrauen aufbauen, können wir Windräder, Solaranlagen und Elektroautos als CO₂-Vermeider so gewichtig wie die klassischen Kohlenstoffsenken Wald, Grasland und die Weltmeere in den Fokus rücken.
Was die Alten von den Jungen lernen können, ist die Schaffung neuer Netzwerke, die heute vorwiegend digital stattfinden. Außerdem verlangt die FFF-Generation einen Systemwandel, der nicht vergleichbar ist mit z. B. der 68er-Bewegung. Es geht vielmehr um die ganzheitliche Abkehr von extremem Wachstum, der alten Energiewelt und der Wegwerfgesellschaft.

Ist das klassische Ehrenamt mit seinen Vereins- und Genossenschaftsstrukturen zukunftssicher – und werden junge Leute damit überhaupt noch erreicht? Welche neuen Formen des ehrenamtlichen Engagements können Sie sich vorstellen?

Ich denke, bei jeder Jugendbewegung war und ist das unbezahlte Engagement das zentrale Element. Es geht oft gegen Strukturen, die geld- und machtorientiert sind. Allerdings werden die klassischen Organisationsformen eher als antiquiert, schwerfällig oder gar als korrumpiert wahrgenommen. Spontanität, lockere Organisationsformen und kollektive, antiautoritäre Leitungsstrukturen werden heutzutage bevorzugt.
Soll es vorwiegend nur um Meinungsbildung, Aufklärung, politischen Druck und Aktionen des zivilen Ungehorsams gehen, dominieren sicherlich lose Verbünde mit nationaler und internationaler Vernetzung. 
Wenn es aber um die Finanzierung, den Bau und den Betrieb von Erneuerbare-Energien-Projekten geht, sind Crowdfunding, aber auch altbewährte Rechtsformen wie die Genossenschaft, die Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR) und auch die Unternehmensgesellschaft (UG) die Gesellschaftsformen der Wahl.
Die Genossenschaft wird immer noch als eine der demokratischsten Gesellschaftsformen wahrgenommen. 

Heinrich Blasenbrei-Wurtz, Sprecher der Lokalen Agenda 21 mit langjähriger Erfahrung im Energiewende-Ehrenamt
Heinrich Blasenbrei-Wurtz, Sprecher der Lokalen Agenda 21 mit langjähriger Erfahrung im Energiewende-Ehrenamt

Über Heinrich Blasenbrei-Wurtz: 

Heinrich Blasenbrei-Wurtz aus Besigheim ist gelernter Bauingenieur mit Schwerpunkt Wasserbau, Wasserkraftanlagenbau und Siedlungswasserwirtschaft. Nach 15-jähriger Tätigkeit stieg Blasenbrei-Wurtz aus der Industrie aus und arbeitete über zwei Jahrzehnte lang als Planer und Berater in den Bereichen erneuerbare Energien, Energieeffizienz, Energiesparkonzepte und rationelle Energieerzeugung. In dieser Funktion begleitete er den Bau zahlreicher Photovoltaik- und Solarthermieanlagen, Blockheizkraftwerken und Biomasseheizanlagen.
Er ist vielfältig ehrenamtlich tätig und engagiert sich als Mitglied in zahlreichen Verbänden für Umwelt- und Naturschutz, Klimaschutz und die Energiewende. Er ist Sprecher des Arbeitskreises Mobilität, Energie, Klima der Lokalen Agenda 21 Besigheim sowie Aufsichtsratsvorsitzender der Energiegenossenschaft Ingersheim.

Verwandte Themen

Artikel teilen: tweet teilen