„Wer ein Dach hat, sollte es nutzen“

Warum Photovoltaikanlagen auf Dächern und Freiflächen entscheidend für unsere Energiewende sind.
Franz Pöter, Geschäftsführer des Solar Cluster Baden-Württemberg, im Interview: über die Bedeutung der Photovoltaik im Südwesten, die Anlagen der Zukunft und das wirtschaftliche Potenzial der Technologie. 

„Vielen Leuten ist nicht bewusst, wie lukrativ Investitionen in Photovoltaikanlagen sind.“

Herr Pöter, welchen Stellenwert und welches Potenzial hat die Solarenergie in Baden-Württemberg?

Die Solarenergie wird zusammen mit der Windenergie hierzulande zur wichtigsten erneuerbaren Energiequelle. Das Potenzial ist riesig. Selbst die wissenschaftlichen Szenarien, die die Landesregierung in Auftrag gegeben hat, gehen von einer Vervierfachung der installierten Photovoltaikleistung aus: Aktuell sind 5,8 GW (Gigawatt) installiert. Das Zielszenario der Landesregierung liegt bei knapp 21 GW im Jahr 2050. Selbst eine Verfünffachung ist ohne Probleme möglich. 

Was sind die Besonderheiten im Südwesten?

Die Sonneneinstrahlung ist hier sehr gut, besser als an Standorten im Norden. Die meisten Dächer können für die Solarstromerzeugung genutzt werden. Ein besonderer Fall sind Solarparks auf der freien Fläche: Sie stehen im Südwesten häufig in Konkurrenz zu anderer Nutzung, wodurch die Pachtpreise etwas höher sind. Insgesamt gibt es ein enormes wirtschaftliches Potenzial für die Photovoltaik, das wir für eine günstige, umwelt- und klimafreundliche Stromerzeugung nutzen sollten. 

Woran hakt es denn, um dieses Potenzial voll ausschöpfen zu können?

Hemmnisse sehe ich aktuell vor allem bei der Information: Vielen Leuten ist nicht bewusst, dass Investitionen in Photovoltaikanlagen lukrativ sind und sich wirtschaftlich weiterhin lohnen. Das betrifft Bürgerinnen und Bürger, Unternehmen und Kommunen. 

Warum ist das so?

Nach den Boomjahren 2011, 2012 und 2013 gab es einen drastischen Einschnitt durch kurzfristige EEG-Kürzungen und dadurch bedingt eine gewisse Zurückhaltung. Seitdem ist die Einspeisevergütung pro Kilowattstunde von rund 30 Cent auf heute etwa 11 Cent gesunken. Gleichzeitig sind die Modul- und Systempreise um rund 75 % günstiger geworden. Eine Hausanlage mit zehn Kilowatt peak kostet aktuell – fertig installiert – durchschnittlich etwa 1.250 € pro Kilowatt installierter Leistung. Vor fünf Jahren betrug der Preis pro Kilowatt noch 3.000 bis 4.000 €. Die Rendite ist daher annähernd gleichgeblieben, da man weniger Geld in die Hand nehmen muss, um die Anlage zu errichten.

Haben Sie einen Tipp für diejenigen, die mit Solarenergie Teil der Energiewende werden wollen? Welche Möglichkeiten gibt es da?

Wer ein Dach zur Verfügung hat, sollte es nutzen und möglichst großflächig Module darauf setzen. Fast alle Dächer eignen sich dafür – sogar flache Norddächer. Ein großer Teil der Installationskosten sind Arbeitskosten für die Handwerker, das Gerüst usw., der Modulpreis fällt immer weniger ins Gewicht. Daher empfehlen wir: Macht die Dächer voll. 

Und wer kein eigenes Dach hat?

Der kann sich über eine Energiegenossenschaft am Ausbau der Photovoltaik beteiligen. Manche Kommunen bieten auch die Möglichkeit, in einen Solarpark zu investieren. Wer zur Miete wohnt, kann auch beim Vermieter oder beim Stromlieferant anregen, dass diese auf dem Dach ein Mieterstrommodell umsetzen. 

An wen wende ich mich als Eigentümer im ersten Schritt?

Man kann sich über das Solarkataster oder den Energieatlas Baden-Württemberg über das Potenzial seines Gebäudes informieren und natürlich kann man zusätzlich selbst nachschauen, dass auch kein Baum das Dach verschattet. Im nächsten Schritt würde ich von zwei bis drei Handwerkern meines Vertrauens ein Angebot einholen. Dann weiß man schnell, wann sich die eigene Anlage rechnet.

Natürlich sind Prognosen schwer – aber wie schätzen Sie die Aussichten der Solarbranche ein?

Der Trend ist eindeutig: Wir werden in den nächsten Jahren sehr viel Solarstrom produzieren und einspeisen. Immer mehr Dachflächen werden dafür genutzt, in Zukunft auch zunehmend die Fassaden. Hier ist v. a. die Integration in die Gebäudetechnik der Knackpunkt, die noch nicht weit genug standardisiert ist. Wir werden außerdem mehr Solarparks sehen, die als große Kraftwerke Strom liefern. Wir werden auch neue Flächen erschließen, etwa Dächer in Gewerbegebieten, die bisher kaum für Photovoltaikanlagen genutzt werden. 

Stichwort Freiflächen: Wo steht Baden-Württemberg hier?

Im Vergleich zu anderen Bundesländern haben wir sicher Nachholbedarf. Allein in Bayern wurden dieses Jahr 30 Solarparks errichtet. Aber ich sehe großes Potenzial, auf den Freiflächen günstig Strom zu produzieren – und große Kraftwerke sind wichtig für ein stabiles Energiesystem.

Welche Innovationen sind aus Ihrer Sicht spannend – wie sieht es z. B. mit Balkonanlagen und Agrophotovoltaik aus?

Grundsätzlich werden wir den Zubau auf Dächern und Freiflächen brauchen, daran führt kein Weg vorbei. Kleinanlagen auf Balkons sind darüber hinaus eine einfache Lösung, sich an der Energiewende zu beteiligen. Sie werden aber nur einen sehr kleinen Bruchteil zur Gesamtversorgung beitragen können. Auch die Agrophotovoltaik – also die doppelte Flächennutzung für Landwirtschaft und Photovoltaik – ist in bestimmten Fällen interessant, wenn etwa im Obstanbau eine Kombination mit dem Hagelschutz gelingt. Aber die große Frage ist, wie praxistauglich das für die Landwirtschaft ist, und das sehe ich bei großen Getreideäckern aktuell nicht. 

Welche Rolle spielt die Elektromobilität für die Solarbranche?

Die Verkehrswende wird eine Elektrifizierung des Individualverkehrs bedeuten. Und für deren sauberen Betrieb braucht man Photovoltaikanlagen, ob sie jetzt auf dem Firmencarport stehen oder auf dem Eigenheim. Denn die Elektromobilität ergibt nur Sinn mit erneuerbarer Energie. Sicher werden viele Menschen, die sich ein E-Auto anschaffen, auch gleich die günstige Stromquelle mitbedenken und zuhause eine Solaranlage installieren. Und Unternehmen werden Solarstromtankstellen als Vorteil bei der Mitarbeiterbindung umsetzen.

Zur wirtschaftlichen Seite: Wie steht es um die Solarbranche in Baden-Württemberg?

In den letzten Jahren haben wir durch die Konkurrenz in Asien und durch die industriepolitischen Schwerpunkte der Bundesregierung Arbeitsplätze verloren. Doch es gibt hier nach wie vor mittelständische Unternehmen, die in der Solarbranche Global Player sind - vom Wechselrichterhersteller bis hin zum Anbieter von Daten- und Monitoringsoftware. Die Solarbranche in Baden-Württemberg hat aktuell rund 4.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Franz Pöter im Portrait
Franz Pöter, Geschäftsführer des Solar Cluster Baden-Württemberg

Über die Person

Franz Pöter ist seit 2018 Geschäftsführer beim Solar Cluster Baden-Württemberg e.V. Zuvor war er Referent beim Landesverband Baden-Württemberg, beim Bundesverband der Katholischen Landjugendbewegung (KLJB) sowie Referent für Umweltschutz beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Pöter studierte Verwaltungswissenschaften an der Universität Konstanz.

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