„Wir brauchen mehr Mut“

Wie schafft es die Windenergie aus der Krise? 
Die Windkraft galt lange Zeit als „Arbeitspferd der Energiewende“. Doch der Bau neuer Anlagen stockt – auch in Baden-Württemberg. Hier spricht Christian Oberbeck, baden-württembergischer Landesvorsitzender des Windenergie-Verbands BWE, über die aktuellen Herausforderungen und Perspektiven der Branche.

„Wir müssen der Bevölkerung vermitteln, welche Vorteile – wie zum Beispiel Arbeitsplätze und lokale Investitionen – mit dem Bau der Anlagen verbunden sind.“

Herr Oberbeck, „das Arbeitspferd der Energiewende lahmt“, war in den Medien in den letzten Monaten immer wieder zu lesen. Warum werden so wenig neue Windräder gebaut?

Wir beobachten in der Tat die größte Krise der Windenergie der letzten Jahre. Viele Menschen in Deutschland scheinen zu denken, dass ein 40%iger Anteil an Erneuerbaren beim Stromverbrauch genug ist und wir keine weiteren Windenergieanlagen mehr brauchen. So zumindest deute ich die Signale der Bundespolitik der letzten Jahre – und so nimmt das meiner Ansicht nach auch die Bevölkerung auf. Hinzu kommt, dass die Menschen regenerative Energie zwar wollen, bei eigener Betroffenheit in der Umgebung die Windkraft aber ablehnen. Dieser Prozess setzt sich fort in Gemeinderatsgremien und bei den Regionalverbänden. Das führt dazu, dass wir uns mit einer extrem geringen Akzeptanz und einer desolaten Genehmigungslage konfrontiert sehen. Und das ist kein rein baden-württembergisches Problem: Deutschlandweit hat sich der Zubau schon letztes Jahr halbiert und wir gehen davon aus, dass wir dieses Jahr sogar nur 25 % des Zubaus von 2017 erreichen werden. 

Was ist aus Ihrer Sicht nötig, um den Trend umzukehren? 

Die Politik und die Gemeinden müssen wieder mehr Mut zeigen, um die Energiewende und den Klimaschutz voranzutreiben. In Baden-Württemberg zeigt uns der neue Windatlas die Potenziale auf, wo wir Windenergieanlagen errichten können. Er ist damit ein hervorragender Aufhänger, um auf die Gemeinden zuzugehen. Denn sie sind diejenigen, die in letzter Konsequenz planerisch steuern können. Das bedeutet: Jetzt ist jede einzelne Gemeinde aufgerufen, wieder in die Diskussion einzusteigen. Wir als Windenergiebranche stehen bereit, mit aller Fachlichkeit zu unterstützen. 

Welche Vorbehalte begegnen Ihnen von Seiten der Bevölkerung?

Viele Menschen vor Ort, die von der Planung von Windenergieanlagen betroffen sind, sagen: „Grundsätzlich unterstütze ich die Energiewende, aber so ein Windrad möchte ich dann doch nicht in meiner Gegend haben.“ Oder sie fragen: „Wir haben doch schon einen so hohen Anteil erneuerbarer Energien in Deutschland und auch hier stehen schon Anlagen: Warum muss man da noch mehr machen?“ Hier fehlt uns der Rückhalt der Politik, um klarzumachen, dass wir unsere Klimaziele nur erreichen können, wenn wir mind. noch einmal so viele Anlagen installieren, wie wir aktuell schon haben. Und wir müssen der Bevölkerung vermitteln, welche Vorteile – wie z. B. Arbeitsplätze und lokale Investitionen – mit dem Bau der Anlagen verbunden sind. 

Auch der Schutz bestimmter Tierarten, wie etwa des Rotmilans oder der Fledermaus, wird im Zusammenhang mit dem Bau neuer Anlagen thematisiert ...

Leider wird der Artenschutz oft missbraucht. Statt ehrlich zu sagen: „Ich will die Dinger nicht vor meiner Haustür“, werden dann häufig Pseudo-Fakten bemüht, um den Bau von Anlagen zu verlangsamen oder zu verhindern. Natürlich ist der Schutz von Natur und Tierwelt sehr wichtig. Doch man darf hier nicht die Relationen aus dem Blick verlieren. Und der technische Fortschritt eröffnet uns, zum Glück, immer mehr Möglichkeiten, um Artenschutz und Windenergie zu vereinbaren.

Welche Artenschutz-Maßnahmen ergreift die Windenergiebranche konkret? 

Wir stellen z. B. in lauen Sommernächten, in denen viele Insekten unterwegs und die Fledermäuse aktiv sind, Anlagen gezielt ab. Die nächste Entwicklungsstufe wird sein, dass wir mit sogenannten Videodetektionssystemen arbeiten. Jeder kennt das aus der Fußballberichterstattung: Hochauflösende Kamerasysteme erfassen jeden Spieler individuell und können seinen Lauf nachvollziehen. Dank dieser Technik wird man künftig in der Lage sein, Rotmilane oder andere Greifvögel, die sich auf Kollisionskurs befinden, aus der Ferne zu erkennen – und entsprechend die Anlage zu drosseln, sodass der Vogel vorbeifliegen kann. 

Nächstes Jahr läuft nach 20 Jahren die EEG-Förderung für die ersten Altanlagen aus. Wie geht es dann weiter? 

Die Preisentwicklung auf dem Strommarkt stimmt uns zuversichtlich. Wir gehen davon aus, dass wir langfristig ohne die EEG-Förderung klarkommen können, wobei das EEG andere wichtige Vorteile bietet, die wir erhalten wollen: wie z. B. den Einspeisevorrang von grünem Strom. 

Wenn die Förderung ausläuft: Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang das Repowering, also der Ersatz alter durch neue Anlagen?

Repowering hat – auch im Sinne einer effizienten Flächennutzung – eine Top-Priorität für uns. Grundsätzlich gibt es hier zwei Stoßrichtungen: Zum einen könnten wir Altanlagen durch den exakt gleichen Anlagentyp am selben Standort ersetzen. Die zweite Möglichkeit wäre, zwei oder drei alte Anlagen abzubauen und dafür eine einzelne, sehr große Anlage an anderer Stelle aufzubauen. In Baden-Württemberg stehen durch die starke Versiegelung jedoch nicht viele Flächen zur Verfügung. Deshalb ist hierzulande der erste Ansatz, die alte Anlage am selben Standort zu ersetzen, besonders wichtig. Hier würden wir uns Erleichterungen von der Genehmigungsseite wünschen. 

Ihre Prognose: Wie geht es für die Windenergie in Baden-Württemberg weiter?

Wie viel Potenzial noch in der Windenergie schlummert, zeigt ein Blick in den Windatlas: Das theoretische Flächenpotenzial liegt bei etwa 6,2 % der Landesfläche, das sind etwas mehr als 220.000 ha (Hektar). Uns würde aber schon die Bebauung von 1-3 % der Landesfläche ausreichen, um 10 % des heimischen Stroms aus Windenergie zu decken. Warum also sollten wir uns nicht 15 oder 20 % zutrauen in Baden-Württemberg? Jetzt braucht es engagierte Gemeinden, die den weiteren Ausbau mittragen. Und wir müssen es schaffen, die Bedeutung der Windenergie für den Klimaschutz in die Bevölkerung zu tragen.  

Christian Oberbeck
Christian Oberbeck, BWE-Landesvorsitzender in Baden-Württemberg und Mitglied der BWE-Länderkammer // Copyrigth: BWE/CO

Über die Person

Christian Oberbeck ist seit 2002 in der Windbranche tätig und engagiert sich als BWE-Landesvorsitzender in Baden-Württemberg sowie als Mitglied der BWE-Länderkammer. Er ist Bauingenieur und Geschäftsführer der Vento Ludens GmbH & Co. KG mit Sitz in Bayern und Standorten in Mecklenburg-Vorpommern, Schottland, Irland, Norwegen und der Schweiz. 
 

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