Gespräch: Energiegenossenschaften im Wandel

Mehr Akzeptanz für die Energiewende schaffen, komplexere Projekte angehen und den Generationenwechsel meistern: Elisabeth Strobel vom Verband der BürgerEnergiegenossenschaften in Baden-Württemberg und Lukas Winkler vom Baden-Württembergischen Genossenschaftsverband im Gespräch über die Aufgaben und Entwicklung der Bürgerenergiegenossenschaften.

Elisabeth Strobel
Elisabeth Strobel vom VBBW
Lukas Winkler
Lukas Winkler vom BWGV

Der Baden-Württembergische Genossenschaftsverband (BWGV) repräsentiert mittelständische Unternehmen aus verschiedenen Branchen, die als eingetragene Genossenschaft (eG) organisiert sind. Der BWGV vertritt die Genossenschaftsidee und betreut die Genossenschaften im Land. Lukas Winkler ist beim BWGV der Hauptansprechpartner für die Energiegenossenschaften. 

Der Verband der BürgerEnergiegenossenschaften in Baden-Württemberg ist ebenfalls ein eingetragener Verein, der vor etwa 12 Jahren gegründet wurde. Dieser versteht sich als Austauschplattform von 75 Energiegenossenschaften in der Region. Elisabeth Strobel ist seit Anfang an dabei und die Vorsitzende des Vereins. 

Herr Winkler, wie entstand das Modell Energiegenossenschaft (EG)?

Winkler: Wenn man sich die Historie anschaut, sind Energiegenossenschaften nichts Neues. Es gab schon um 1900 Gründungen von Energiegenossenschaften. In abgelegenen Regionen, wo es sich für die großen Netzbetreiber nicht lohnte, ein Stromnetz zu bauen, haben sich Bürgerinnen und Bürger zusammengeschlossen und selbst entsprechende Stromnetze in ihren Ortschaften aufgebaut.

Und heute?

Winkler: Mittlerweile sind die Aufgaben und Geschäftsfelder sehr vielfältig. Die neueren EG haben sich v. a. mit Beschluss des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes gegründet. Dabei haben sich Bürgerinnen und Bürger zusammengeschlossen und gemeinsam Erneuerbare-Energien-Projekte initiiert. Mit dem genossenschaftlichen Leitgedanken: Was einer alleine nicht schafft, das schaffen viele. 

Was sind das für Projekte?

Winkler: Alleine eine Photovoltaikanlage zu bauen, ist vielleicht schwierig. Aber wenn ich mich mit mehreren zusammenschließe, kann ich große Projekte in der Fläche realisieren. Und dann habe ich entsprechende Einspareffekte, die allen zugutekommen. Zudem sind dabei unsere Nahwärmegenossenschaften zu nennen: Es muss nicht jeder Haushalt eine Heizungsanlage haben, sondern es wird eine große Heizungsanlage gebaut, die die Wärme für alle beteiligten Mitglieder dann über ein Wärmenetz bereitstellt.  

Beispielprojekte aus Baden-Württemberg?

Winkler: Da gibt es mittlerweile unzählige Beispiele. Die EnerGeno in Heilbronn, die neben der Initiierung von Photovoltaikanlagen auf Freiflächen auch im Bereich Energieeffizienz und Contracting unterwegs ist und bspw. Unternehmen bei der Umstellung auf LED-Technik unterstützt. Eine weitere ist die Nahwärmegenossenschaft WeilerWärme. Die haben ein sehr großes Nahwärmenetz und daneben auch Carsharing-Angebote, betreiben selbst auch Photovoltaikanlagen und beraten ihre Mitglieder in Sachen Energieeffizienz. Oder die Heidelberger Energiegenossenschaft, die mittlerweile in einem Quartier die Rundumversorgung – also Strom, Wärme und Mobilität – ihrer Mitglieder sicherstellt.

Es gibt bundesweit 870 Energiegenossenschaften mit ca. 200.000 Mitgliedern. Wie erklären Sie sich das erfolgreiche Bestehen und Wachstum des Modells in den letzten 20 Jahren?

Strobel: Wir haben hier in Baden-Württemberg 150 Energiegenossenschaften. Das zeigt, dass wir insgesamt ein Land der Energiegenossenschaften sind. Das spiegelt die gute Zusammenarbeit mit allen, die am Tisch sitzen, wider. Zum Wachstum: Wenn ich an meine ersten Tage vor 12–13 Jahren zurückdenke, war alles sehr geprägt vom Erneuerbare-Energien-Gesetz. Man hatte v. a. ganz einfache Projekte – hat eine Photovoltaikanlage auf’s Dach gepackt, Strom eingespeist und damit Geld verdient. Das war der große Boom. Und daher haben wir auch sehr viele kleine Energiegenossenschaften in Baden-Württemberg. Damals konnte man das alles relativ einfach machen. Das hat sich deutlich verändert. 

Diese Veränderung scheint nicht gut für die EG zu sein: Laut einer Studie vom Dezember 2020 waren vor 10 Jahren 50 % der installierten Leistung in Privathand. 2019 waren es nur noch 40,04 %. Und bei den Neuanlagen wurde die Bürgerenergie (18 %) von den Banken und Fonds überholt (21 %). Wie erklären Sie sich das?

Winkler: Wenn man bspw. an Photovoltaik denkt, gibt es Ausschreibungen, welche die EG erstmal gewinnen müssen. Wenn bei einer Ausschreibung was schiefläuft, sind da 20.000–30.000 € an Investitionskosten weg – je nach Anlage. Dieses Risiko gehen Genossenschaften bislang nicht ein. Das gleiche gibt’s im Windbereich. Deshalb kommen hier große Unternehmen zum Zug. Die können das Risiko über mehrere Projekte streuen. Bürgerenergiegenossenschaften streuen ihr Portfolio nicht bundesweit, sondern haben ein bis zwei regionale Projekte, die sie auch umsetzen wollen. 

Nun ist 2021 die Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) in Kraft getreten. Seitens der Energiegenossenschaften wurde Kritik laut. Warum?

Winkler: Von unserer Seite sieht man auch bei dieser EEG-Novelle wieder, dass die Energiegenossenschaften, welche damals die Pioniere im Bereich erneuerbarer Energien waren, immer weiter rausgedrängt werden. Auf EU-Ebene haben die Energiegenossenschaften ein deutlich besseres Standing: Hier wurden teilweise Gesetze erlassen, um eben auch Bürgerenergie-Gemeinschaften zu stärken. Das wurde im EEG jetzt noch nicht so umgesetzt, wie es die EU vorgibt. Das muss irgendwann kommen. 

Kann mit dem EEG die Energiewende von unten überhaupt gelingen?

Winkler: Die generelle Frage ist vielleicht, ob mit dem geltenden EEG die Energiewende überhaupt gelingen kann. Es wurden im EEG entsprechende Ausbauziele hinterlegt. Wenn man sich diese anschaut, sind die für die Wärme- und Mobilitätswende und auch für die Stromwende deutlich zu niedrig. Erst wenn die Ausbaupfade für die einzelnen Technologien nach oben gesetzt werden, gelingt uns die Energiewende. Dafür benötigen wir alle – Energiegenossenschaften und auch größere Akteurinnen und Akteure.

Warum ist es überhaupt wichtig, dass die Energieerzeugung in Bürgerhand liegt? 

Strobel: Das ganz große Argument aus unserem Blickwinkel ist die Akzeptanz. Bei der Umsetzung der Energiewende ist es oft so: „Ja, mach das nur, aber nicht bei mir. Der Windpark? Nicht vor meiner Haustür.“ Es ist besser, wenn ich selbst eine Verbundenheit zur Energiewende habe. Und zwar nicht nur emotional, sondern auch monetär. Und wenn ich die Menschen mit ins Boot hole und sage: „Wie können wir das gestalten? Wie viel Geld magst du investieren? So viel kannst du verdienen.“ Außerdem: Energiegenossenschaften sind mit deutlich geringeren Renditen zufrieden als die großen Energieversorger. 

Was hat sich im Vergleich zu früher geändert, Frau Strobel?

Strobel: Die Energiegenossenschaften stehen vor großen Herausforderungen, weil sie so viele Möglichkeiten zur Entwicklung haben. Aber jede Möglichkeit unterscheidet sich gravierend von 2008. Damals wandte man sich an eine Handwerkerin bzw. einen Handwerker, der installierte die Photovoltaikanlage und ich habe meine Einspeisevergütung bekommen. Und egal, welche Projektart ich mir jetzt anschaue: Ich muss mich tatsächlich mehr darum kümmern. Ich brauche Fachkompetenz und Beratung. Deswegen erleben wir auch, dass viele Genossenschaften im Moment auch innehalten und starr sind und sagen: „Wohin geht es denn jetzt?“. Mittlerweile ist alles immer ein intensives Projekt, das ich nicht mal kurz nebenbei im Ehrenamt eine Stunde pro Woche machen kann. 

Sagen Sie also auch, dass eine Professionalisierung notwendig ist, und diese mit dem Wandel vom Ehrenamt zum Hauptamt verbunden ist?

Strobel: Da haben uns einige Energiegenossenschaften schon den Spiegel vorgehalten und gesagt: „Sagt ihr, wenn wir das ehrenamtlich machen, sind wir nicht professionell?“ Selbstverständlich haben wir viele Energiegenossenschaften, die im Ehrenamt hochprofessionell sind – in ihrem überschaubaren Bereich, anders ist das in einem Ehrenamt nicht leistbar. 

Also, braucht es Haupt- und Ehrenamt?

Strobel: Die Volksbanken sind hier ein gutes Paradebeispiel: Jede Volksbank hat hauptamtliche Vorstände und vielleicht noch einen ehrenamtlichen Aufsichtsrat. Um eine gewisse Größe zu erreichen, um größere oder fachlich eben auch anspruchsvollere Projekte realisieren zu können, brauche ich ein Hauptamt. Und dazu auch das Ehrenamt. Regulierend, überwachend, als Ideengeber, als Input und bei der Mitgliederversammlung. 

„Im zukünftigen Energiesystem kommt sicherlich zum Tragen, dass wir wieder lokal, regionaler, vielleicht auch kleinteiliger werden.“

Warum müssen sich die Bürgerenergiegenossenschaften gerade jetzt professionalisieren oder weiterentwickeln? 

Winkler: Viele Energiegenossenschaften haben jetzt einen guten Grundstock an Photovoltaikanlagen. Die laufen noch eine Weile und bringen derzeit Geld ein. Dieses Geld kann jetzt reinvestiert werden. Das muss nicht unbedingt in neue Projekte sein, sondern kann auch in die internen Strukturen investiert werden, um neue und komplexere Projekte anzugehen. Wenn ich damit erst in fünf Jahren anfange, dann laufen die Photovoltaikanlagen aus. Dann wäre für diesen Schritt keine Basis mehr da. Zudem sind die meisten Energiegenossenschaften ca. acht bis zwölf Jahre alt. Oftmals sitzen dort noch die entsprechenden Gründungspersonen in den Gremien. Diese Expertise muss man auf jeden Fall in der Genossenschaft halten, sollte zeitgleich aber den neuen Aufschwung miteinbinden – Stichwort Fridays For Future. Das wäre eine Möglichkeit, neuen Schwung in die EG zu bekommen, um sich dabei intern weiterzuentwickeln.

Sie sagen es selbst: Jetzt gibt es eine junge Generation, die sich sehr für den Klimaschutz und natürlich auch für die Energiewende interessiert. Warum fällt den Energiegenossenschaften der Generationenwechsel so schwer?

Strobel: In unserem letzten Workshop mit dem Umweltministerium haben wir geschaut, was die Generation Z auszeichnet. Auch die jungen Leute setzen den Schwerpunkt Energiewende – aber das muss zu ihrer Lebensplanung passen. Und diese Lebensplanung ist häufig eben nicht mehr, sich in ein Ehrenamt wählen zu lassen. Sondern sie wollen sich eher projektbezogen engagieren, für ein gewisses Zeitfenster, für eine Veranstaltung, eine Messe und so weiter. Hier muss eine Weiterentwicklung in den Köpfen der Mitglieder der Energiegenossenschaften stattfinden. Jetzt kommt eine andere Generation. Und diese Generation hat das gleiche Ziel, aber geht ganz anders auf dieses Ziel zu. 

Was raten Sie den Energiegenossenschaften in Hinblick auf den Generationenwechsel?

Strobel: Die Offenheit und den Gedanken zuzulassen, weiterzugehen. Und nicht zu jammern: Ich finde sowieso niemanden als Nachfolge, sondern zu sagen: „Jawohl! Es gibt ganz, ganz viele. Es liegt an mir, jemanden zu finden. Ich muss mich öffnen und ich muss bereit sein, neue Wege zu gehen.“ Ob das jetzt die sozialen Medien sind oder ich einfach ganz gezielt die Mitgliederliste durchgehe. Ich wünsche mir, dass wir ins Gespräch kommen und offen sind. 

Winkler: Es gibt schon viele Ansätze. Z. B., dass Mitglieder Patenschaften für einzelne Photovoltaikanlagen übernehmen und diese regelmäßig kontrollieren. Es gibt auch Modelle, bei denen man auf ältere Mitglieder zugegangen ist und gefragt hat, ob sie nicht einen Geschäftsanteil an ihre Enkel übertragen wollen – z. B. als Geburtstagsgeschenk. Alles zielt darauf ab, junge Menschen für die Genossenschaften und deren Aufgaben zu begeistern. Dabei ist natürlich auch die Kommunikation wichtig. Gerade auch in den sozialen Medien. Energiegenossenschaften halten dabei als Energieakteur und Dienstleister die Flagge vor Ort hoch. 

Welche Rolle spielt Ihrer Meinung nach die Bürgerenergie im zukünftigen Energiesystem? 

Strobel: Im zukünftigen Energiesystem kommt sicherlich zum Tragen, dass wir wieder lokal, regionaler, vielleicht auch kleinteiliger werden. Also dieses Wochenmarkt-Gedankengut: Das, was wir hier produzieren, verbrauchen wir auch hier. Einen weiteren sehr großen Beitrag leisten die Energiegenossenschaften grundsätzlich in der Akzeptanz, die sie für die Energiewende bringen. Irgendwie muss ich die den Strom vom Norden in den Süden bekommen. Und dazu brauche ich die Akzeptanz der Menschen. Wir sind regional sehr gut verankert und können hier einen großen Punkt machen im Gesamtpaket Energiewende.

Wenn Sie einen Wunsch an die neue Umwelt- und Energieministerin im Land, Frau Walker, äußern könnten, wie würde dieser lauten?

Strobel: Eine weiterhin enge, gute und konstruktive Zusammenarbeit. Ich wünsche mir, dass die neue energiepolitische Landesspitze uns zuhört und weiß, was eine Energiegenossenschaft ist und macht. Und wenn nicht, dass wir das erklären können. In den letzten Jahren hat einiges Schiffbruch erlitten, weil wir in den Begrifflichkeiten zu unpräzise waren. Immer wieder taucht das auf: Man spricht plötzlich nur noch von Bürgergemeinschaften, die anderen von Bürgerenergiegesellschaften. Nicht von der tatsächlichen Rechtsform der Genossenschaft. Da hoffe ich sehr, dass wir tatsächlich, diese Klarheit haben in der Definition und damit auch Klarheit in Zusammenarbeit. Und in der gemeinsamen Zielentwicklung.

Herr Winkler, Ihr Wunsch?

Winkler: Der Wunsch wäre, weiterhin das Thema Bürgerbeteiligung, insbesondere auch über die Energiegenossenschaften, in das Zentrum der Energiepolitik zu stellen. Wir blicken auf die EU-Regelungen zur genossenschaftlichen Mitgliederversorgung durch die Erneuerbare-Energien-Richtlinie der EU. Wenn das kommen wird, dann bekommen wir in diesem Bereich neue Projekte. Gemeinsam mit den Energiegenossenschaften und allen anderen Akteurinnen und Akteuren wollen wir weiterhin Vorreiter sein für dieses Thema und den Ausbau der Erneuerbaren Energien weiter vorantreiben.

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