Vorgestellt: Energiegenossenschaften und ihre Projekte

In Baden-Württemberg gibt es 150 Energiegenossenschaften, in denen sich ca. 44.000 Bürgerinnen und Bürger engagieren. Ihr Ziel: Die Energiewende vor Ort in die eigene Hand nehmen. Ihr Mittel: Bürgerbeteiligung. Ihr Vorgehen: unterschiedlich. Vier Energiegenossenschaften im Kurzporträt.

Vorreiter werden: BEG Kraichgau

Wie viele andere Energiegenossenschaften, wurde auch die BEG Kraichgau eG 2010 mit dem Ziel gegründet, Photovoltaikanlagen auf Dächern im Ort zu installieren, um die gewonnene Energie ins Stromnetz einzuspeisen. Mittlerweile hat sich die Energiegenossenschaft (EG) weiterentwickelt und sich mit Expertise im Bereich der Nahwärme einen Namen gemacht. 

Gruppenbild einer Mitglieder*innen der BEG Kraichgau
Über 320 Menschen sind Mitglied bei der BEG Kraichgau. // Copyright: Franz Bruckner

Zwei Gebiete, eine Versorgungsanlage

Bis drei Jahre nach Gründung wollten die Mitglieder der BEG Kraichgau ein Nahwärmenetz im Ortsgebiet Adersbach bauen. Das Projekt konnte aber aufgrund wirtschaftlicher Hürden nicht umgesetzt werden. 2020 ergab sich für die BEG Kraichgau dann eine neue Möglichkeit: In der Gemeinde Mauer im Rhein-Neckar-Kreis sollte eine in die Jahre gekommene Wohneigentumsanlage modernisiert werden. Dazu mussten, wie gesetzlich vorgeschrieben, 15 % des Energiebedarfs über Erneuerbare Energien abgedeckt werden. Zur selben Zeit entstand unweit der alten Siedlung ein Neubaugebiet. Die BEG Kraichgau erkannte die Chance, hier eine nachhaltige Wärmeerzeugungsanlage für die bestehende Siedlung als auch für das angrenzende Neubaugebiet zu installieren.

Bürgerbeteiligung und Kooperation

Mit dieser Idee beteiligte sich die BEG Kraichgau an Diskussionsrunden, Hauseigentümerversammlungen und Gemeinderatssitzungen. Bald waren alle Akteurinnen und Akteure überzeugt, dass ein Wärmenetz entstehen soll, welches beide Gebiete mit nachhaltiger Wärme versorgt. Die Energieerzeugung sollte aus der Verbrennung von Holzpellets und dem Einsatz von Solarthermiemodulen erfolgen. Für die Umsetzung kooperierte die BEG mit einem Unternehmen, das die ehrenamtlichen Mitglieder bei diesem komplexen Großprojekt unterstützte.

961 m Wärmeleitungen bilden jetzt das Versorgungsnetz für 88 Wohnungen, 21 Einfamilienhäuser und drei Mehrfamilienhäuser. Zusätzlich gibt es in allen Einfamilienhäusern Wärmespeicher mit einem Wasserinhalt von 800 l. Die Heizzentrale wurde unterirdisch in einem Betonkeller zusammen mit einem 9.000 l Wärmespeicher installiert. Im Juni 2020 startete der Betrieb und alleine die Solaranlage speist nun an guten Sommertagen bis zu 40 KW (Kilowatt) Leistung in die Speicher. 

Know-how im neuen Projekt anwenden

Die BEG Kraichgau hat sich mit dem Projekt in Mauer eine Expertise aufgebaut, die sie nun wieder anwenden möchte: Im Jahr 2021 wollen die Mitglieder der BEG ein weiteres Nahwärmenetz in der Gemeinde Kirchhardt errichten. Dieses Mal sollen Holzhackschnitzel und Solarthermie zum Einsatz kommen. Auch dieses Projekt wird in Kooperation mit einem Unternehmen entstehen.

„Wir haben eine Anfrage nach der anderen. Auch von Gemeinden, die sich das Projekt in Mauer anschauen wollen. Wärmenetze sind ein Riesenthema für die Zukunft. Denn wenn man im Gebäudesektor Erneuerbare haben will, dann kann man hiermit relativ viele Haushalte mit nur einer Anlage versorgen.“, fasst der Vorstand Franz Bruckner zusammen. Die BEG Kraichgau ist ein gutes Beispiel dafür, dass sich der Aufbau von Expertise lohnt. Die Mitglieder haben sich Know-how im Bereich Nahwärme erarbeitet und können dieses nun weiter in der Region einsetzen. 

Neues wagen: HEG Heidelberger Energiegenossenschaft

Viele Energiegenossenschaften stehen derzeit vor der Herausforderung des Generationenwechsels. Doch manchmal ist dieser gar nicht nötig. Und zwar dann, wenn die junge Generation bei der Gründung der Genossenschaft direkt dabei ist. So haben es die Mitglieder der Heidelberger Energiegenossenschaft (HEG) gemacht. Begonnen hat alles 2010 als studentische Initiative. Das erste Projekt: die Installation einer Photovoltaikanlage auf dem Dach der Pädagogischen Hochschule. Damals noch mit einem externen Betreiber. Im gleichen Jahr erfolgte die Umwandlung in die Rechtsform als Genossenschaft. Mittlerweile zählt die HEG 900 Mitglieder. Ihre Vision: Heidelberg bis 2030 zur Sonnenstadt machen. Das heißt: In Heidelberg sollen auf allen geeigneten Dachflächen Photovoltaikanlagen installiert werden, damit der Energiebedarf der Stadt zu über 50 % durch Solarenergie gedeckt werden kann. 

PV-Anlage auf Brauerei
Die bisher größte Anlage der HEG im Heidelberger Stadtgebiet wurde auf der Heidelberger Brauerei installiert. // Copyright: Christopher Holzem

Erfolgreiche Pilotprojekte in der Region

Ihre Vision der Sonnenstadt mag ambitioniert klingen. Aber die Mitglieder der HEG haben schon bewiesen, dass sie anspruchsvolle Projekte können: 2013 starteten sie in der Gemeinde Nußloch das deutschlandweite Pilotprojekt „Neue Heimat“. Hier wurden auf sieben Mehrfamilienhäusern Solarmodule mit einer Gesamtfläche von 3.000 m² verbaut. Damals neu: Die Mieterinnen und Mieter konnten in die Anlage investieren und den Solarstom direkt und preiswert beziehen – vertraglich garantiert für 20 Jahre. Dieses Mieterstrom-Modell fand deutschlandweit Beachtung. Denn bis dahin waren es v. a. Eigenheimbesitzerinnen und -besitzer, die mit der Einspeisung aus der eigenen Photovoltaikanlage sparen konnten.

Das Konzept aus Nußloch wurde 2018 wieder angewandt und erweitert: Auf drei Mehrfamilienhäusern für 130 Personen in der Heidelberger Südstadt hat die HEG zwei Photovoltaikanlagen errichtet. „Bei dem Projekt Quartierversorgung Südstadt haben wir zusätzlich einen Speicher im Keller und Elektroladesäulen installiert. Damit hat man noch eine deutlich höhere Quote an Eigenstromnutzung innerhalb des Quartiers. Es gibt viele Konzepte zur Eigenstromnutzung, aber nur wenige werden in der Praxis umgesetzt“, so Laura Zöckler, Vorstandsmitglied der HEG.

Weitere Tätigkeitsfelder und Professionalisierung 

Insgesamt hat die HEG über die Jahre etwa 26 Solaranlagen installiert und ca. 5 Mio. € in verschiedene Projekte investiert. Neben Photovoltaikanlagen ist die HEG auch an Windkraftanlagen beteiligt und baut E-Ladesäulen. Um bestehende Projekte besser betreuen zu können, wurde eine Tochtergesellschaft mit etwa sieben Vollzeitstellen gegründet.

„Wenn man die Energiewende auch ausreichend schnell und mit ausreichend Wirkung umsetzen will – und das müssen wir – kann das nur mit hauptamtlichen Stellen passieren“, so Zöckler. Denn die Rahmenbedingungen und Ansprüche an Unternehmen aus der Energiebranche werden zunehmend komplexer. Hinzu kommt, dass es vielen Energiegenossenschaften zum Teil schwerfällt, jüngeren Nachwuchs einzugliedern. Die Heidelberger Energiegenossenschaft eG hat gezeigt, wie beides funktionieren kann: Der Generationenwechsel und die Kombination von Haupt- und Ehrenamt. 

Genial lokal: RegioStrom BiberEnergie

Lokal erzeugte Energie regional vermarkten – das ist das Ziel vieler Energiegenossenschaften. Die regionale Direktvermarktung hat die klassische Einspeisevergütung abgelöst, auch da die Einspeisevergütung nicht mehr so hoch ist wie früher. So setzt auch die RegioStrom-Gemeinschaft BiberEnergie aus dem Kreis Biberach auf die regionale Vermarktung erneuerbarer Energien. Sie ist selbst keine Energiegenossenschaft, wurde aber gemeinsam mit der Interconnector GmbH von den folgenden fünf gegründet: Attenweiler, Bad Schussenried-Ingoldingen, Laupheim, Riss und Schemmerhofen. 

PV-Anlage auf Schuldach
Diese 100 kW Anlage auf der Ganztagesschule in Laupheim produziert seit 2018 Strom für die Plattform BiberEnergie. // Copyright: BEG Laupheim eG

Virtuelles Kraftwerk für den Strom aus der Region

Seit 2019 bringt die Plattform BiberEnergie Erzeugerinnen und Erzeuger aus der Region mit den Verbrauchenden vor Ort zusammen. Und zwar mithilfe eines „virtuellen Kraftwerks“. Das bedeutet, dass die BiberEnergie den Strom von mehreren Erzeugungsanlagen in der Umgebung kauft und dann auf einer Online-Plattform für die Menschen aus der Region vermarktet. Rund 100 Haushalte sind Kunde bei der Plattform. „Bei uns kann man den Strom von Erzeugungsanlagen direkt beziehen. Und hier weiß man z. B.: Meinen Strom hat die Solaranlage auf der Grundschule in Maselheim erzeugt.“, so Jürgen Müller, Vorsitzender der BEG Riss. Damit wolle man den Trend der Regionalität stärker berücksichtigen und wirklich grünen Strom von vor Ort anbieten – und nicht solchen, der möglicherweise durch Zertifikate „grün eingefärbt“ wurde, wie Jürgen Müller erklärt. 

Die virtuelle Bündelung ermöglicht mehr Flexibilität in der Direktvermarktung. Nachfrage und Angebot werden mithilfe hochautomatisierter Technik ausgeglichen. Unterstützt wird die Biber-Energie dabei von einer Tochtergesellschaft der EnBW. Diese ist Vertragspartner von Erzeugerinnen und Erzeugern als auch von Verbrauchenden und stellt eine stabile Energieversorgung sicher. „Wir Energiegenossenschaften sind meist ehrenamtlich geführt und so ein Projekt ist recht komplex in der Abwicklung. Da brauchen wir einen Profi an unserer Seite.“, so Müller.

Ehrenamtlich mit professionellem Partner

Kleinere Energiegenossenschaften können sich auch nur auf einen Teilaspekt fokussieren und die anderen Tätigkeitsbereiche mithilfe von Partnerunternehmen abdecken. Sie schaffen die Akzeptanz vor Ort, stellen Kontakte her und leisten so ihren Beitrag: „Wir sind der Ansprechpartner für die Menschen im Landkreis. Wir verbreiten die Idee und sind auch finanziell daran beteiligt, diesen digitalen Marktplatz zu ermöglichen.“, fasst Müller die Aufgabe der BEG zusammen. Durch die Kombination aus ehrenamtlichen und professionellen Strukturen ist mit BiberEnergie ein Geschäftsmodell entstanden, das eine wirklich regionale und sichere Vermarktung von Energie ermöglicht. 

Weiterdenken: EnerGeno Heilbronn-Franken

Wie Städte und Energiegenossenschaften zusammenarbeiten können, zeigt sich am Beispiel von Heilbronn und EnerGeno: In Zusammenarbeit wurden die Dächer von fünf Schulen, vier Kindergärten, drei Hallen und einem Friedhofsgebäude mit Solarmodulen ausgestattet. Durch diese und weitere Projekte konnte die Stadt ihren Bestand an Photovoltaikanlagen innerhalb von zwei Jahren um 40 % steigern. 

„Wir sind mittlerweile der größte Solarstromproduzent in der Stadt. Das ist uns gelungen, weil wir schon viele Jahre hier aktiv sind. Aber auch weil die Stadt Heilbronn uns in den letzten zwei Jahren viele kommunale Dachflächen zur Miete zur Verfügung gestellt hat.“, erklärt Sebastian Staudenmayer, Projektleiter bei der EnerGeno. Die EnerGeno ist zuständig für die Installation und den Betrieb der Anlagen. Und kümmert sich zunehmend auch um die Direktvermarktung: Der produzierte Strom wird teilweise über sogenannte Stromlieferverträge kostengünstig an die Gebäudebetreiber vertrieben.

PV-Anlagen auf Kaufhaus
Mit dieser Anlage der EnerGeno auf einem Kaufhaus-Center können bis zu 630 t CO₂ im Jahr eingespart werden. / / Copyright: EnerGeno

Bundesweit tätig

Gegründet wurde die EnerGeno Heilbronn-Franken 2010. Seitdem ist sie stark gewachsen und hat nun etwa 1.150 Mitglieder. Sechs hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind hier tätig. Neben der Energieproduktion aus Solar-, Wind- und Wasserkraftanlagen bietet die EnerGeno auch Beratung im Bereich Energieeffizienz an. Sie produziert Solarstrom für 7.200 Haushalte. Dafür hat die Energiegenossenschaft insgesamt 55 Solaranlagen gebaut, 40 davon in Heilbronn und der näheren Umgebung. 

Etwa 5,6 Mio. € hat die EnerGeno bereits investiert. Neben Solaranlagen auf dem Dach realisiert die Energiegenossenschaft aber auch Photovoltaik-Freiflächenanlagen in anderen Bundesländern, wie z. B. in Niedersachsen oder Brandenburg. Die Genossenschaftsanteile liegen jedoch zu 95 % bei den Menschen aus der Region Heilbronn-Franken.

Vom Solarpark zum Balkonmodul

Die EnerGeno war vor einigen Jahren auch an der Gründung des Verbundes Bürgerwerke beteiligt. Unter dem Dach der Bürgerwerke haben sich rund 99 Energiegenossenschaften zusammengeschlossen, um bundesweit ihren Strom aus erneuerbaren Energiequellen zu vertreiben. Daneben hat sich die EnerGeno früh auf bundesweite Ausschreibungen konzentriert und einige Großprojekte umgesetzt. Auf dem Dach des Audi-Standorts Neckarsulm betreibt die EnerGeno eine 16 MW (Megawatt) Photovoltaikanlage. 2021 soll noch ein 7 MW Solarpark in Sachsen-Anhalt entstehen.

Doch die EnerGeno ist auch im Kleinen tätig: 1 m auf 1,60 m groß sind ihre angebotenen Balkonmodule für zuhause. Diese Solarmodule können im Garten oder Balkon platziert und dann einfach über die Steckdose angeschlossen werden. Der Strom wird direkt im Wohnungsnetz verbraucht – laut EnerGeno sind hier Einsparungen von 50 bis 90 € im Jahr möglich.

Über die Region hinaus

Große und kleine Projekte, regional und im ganzen Land: Die EnerGeno ist ein gutes Beispiel dafür, dass Energiegenossenschaften nicht immer nur vor Ort tätig sein müssen, sondern sowohl in ihrer Heimatregion als auch bundesweit agieren können – und dabei die Energiewende mitgestalten.

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