Im Bioenergiedorf Möggingen steckt Herzblut seiner Bürgerinnen und Bürger

Unweit des Bodensees liegt die Stadt Radolfzell im Landkreis Konstanz. Das Bioenergiedorf Möggingen ist ein etwas abseits gelegener Stadtteil mit weniger als 1.000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Hier beschloss bereits vor über 10 Jahren die Dorfgemeinschaft gemeinsam mit der Stadt und den Stadtwerken Radolfzell, ihren eigenen Weg der Energie- und Wärmeversorgung zu gehen. 
Indem sie ein Nahwärmenetz installierten und mit ihm alte Ölkessel aus den Heizungskellern verbannten, trieben sie vor Ort die regionale Energiewende und Wärmewende voran. Heute versorgt sich das Bioenergiedorf Möggingen zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energiequellen und der Primärenergiefaktor liegt bei null.

Solarpanele auf der Heizzentrale erzeugen Strom für die lokale Energieversorgung im Bioenergiedorf Möggingen
Die Heizzentrale oberhalb von Möggingen ist mit Solarpanelen bestückt // Copyright: Stadtwerke Radolfzell

Besonderheit des Bioenergiedorfs Möggingen

Was das Besondere am Bioenergiedorf ist – der Startschuss fiel als Erdöl und Erdgas noch sehr günstig waren und das Thema Klimaschutz längst nicht den Stellenwert hatte, den es heute hat. Dennoch entschied sich die schon damals klimaaktive Kommune, ein Nahwärmenetz zu installieren. 
Dazu wurde ein Biogas-Blockheizkraftwerk (BHKW) errichtet und ein circa 7 Kilometer umfassendes Wärmeleistungsnetz. Seit 2010 versorgt es nun rund 150 Haushalte in Möggingen mit Wärme und Warmwasser. Zusätzlich generiert das Blockheizkraftwerk jährlich rund 2 Millionen Kilowattstunden Strom und speist knapp 4.000 Megawattstunden Wärme ins Netz. 

Gespeist wird das Blockheizkraftwerk mit Biorohgas. Dieses stellt ein lokaler Biorohgashersteller bereit. Über eine 1,5 Kilometer lange Gasleitung gelangt das Biogas in die Heizzentrale. Im Winter, wenn die Temperaturen stark fallen und die Wärme aus dem Blockheizkraftwerk nicht ausreicht, decken Holzhackschnitzel die Spitzenlast. Diese liefert der Radolfzeller Stadtwald – alles regional. Das verkürzt nicht nur Lieferketten. Es sorgt ebenfalls für eine starke lokale Verbundenheit und Wertschöpfung vor Ort.  

Wir haben das Projekt gemeinsam entwickelt

Wie das Bioenergiedorf Möggingen entstanden ist, daran erinnert sich Joachim Kania. Er ist Vertriebsleiter und Prokurist der Stadtwerke Radolfzell und seit 13 Jahren hier angestellt. Damit war er von Anfang vertrieblich in das Projekt eingebunden. „Wir waren mit dem Projekt früh dran“, erzählt Joachim Kania. „Schon damals lautete das Credo: Wir wollen weg von fossilen Brennstoffen und deren Preisentwicklungen.“ 

Schon bei der ersten Informationsveranstaltung stieß das Vorhaben auf offene Ohren seitens der Möggingerinnen und Mögginger und es gab viele Interessensbekundungen. Zu dem Zeitpunkt war das Vorhaben nicht unbedingt wirtschaftlich. Doch es wurde vorausschauend gedacht. „Das war echte Pionierarbeit“, meint Joachim Kania. „Denn die Beteiligten haben sich bewusst gegen ein Fernwärmenetz entschieden und viele, der zum Teil recht großen Häuser in Möggingen heizten zu der Zeit noch mit intakten Ölheizungen.“ Doch schon damals setzte die Bürgerschaft in Möggingen mit einem engagierten Ortsvorsteher auf die lokale Energieversorgung.  

Mit dem Entschluss ein Nahwärmenetz zu bauen, welches mit Biogas betrieben wird, mussten im Dorf die Leitungen komplett neu verlegt werden. Es gab kein vorhandenes Netz, auf dem die Stadtwerke Radolfzell hätten aufbauen können. „Wir mussten das ganze Dorf umgraben“, verrät Joachim Kania. Doch es hat sich gelohnt – auch für die Straßenqualität, denn die hat sich im selben Atemzug deutlich verbessert.

Handwerker verlegen bei Tag Leitungen für ein Nahwärmenetz zur lokalen Wärmeversorgung im Bioenergiedorf Möggingen
Techniker und Handwerker beim Verlegen der Leitungen für das Nahwärmenetz in Möggingen // Copyright: Stadtwerke Radolfzell

Alle erneuerbaren Energiepotenziale ausgelotet

Zum damaligen Zeitpunkt wurden alle erneuerbaren Energiepotenziale im Energiedorf Möggingen ausgelotet. So erhielt auch die Heizzentrale eine Photovoltaikanlage, an der sich die Bürgerinnen und Bürger mit einer festgelegten Rendite für 10 Jahre beteiligen durften. „Wir haben gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern Möggingens das Projekt entwickelt“, äußert sich der Vertriebsleiter Kania. „Man hat das Herzblut der Bürgerinnen und Bürger gemerkt, die so richtig Lust auf das Projekt hatten. Und schon damals ging es den Bewohnerinnen und Bewohnern um das Einsparen von CO₂ sowie das Erlangen von Unabhängigkeit von fossilen Brennstoffen und deren Preisentwicklungen.“ 

Damals zu Projektbeginn gab es die Prognose, dass sich die Energiepreise für fossile Energieträger nach oben entwickeln. Das war zwischenzeitlich nicht der Fall, sondern im Gegenteil sie gingen zunächst einmal für drei bis vier Jahre nach unten. Das brachte zwar so manch eine kritische Stimme hervor. Nur seit letztem Jahr entwickeln sich die Preise so, wie es vor zehn Jahren erwartet wurde. 

Heute sind alle in Möggingen froh, den Weg einer lokalen Energie- und Wärmeversorgung schon vor zehn Jahren gegangen zu sein. Die kritischen Stimmen sind verstummt. „Seitdem der Ölpreis so stark gestiegen ist, die Abhängigkeit von Russland offenkundig ist und der Klimawandel immer präsenter wird, erhalten wir nur noch positive Resonanz“, berichtet Joachim Kania und das Interesse wächst.

Wir haben langfristig gedacht

Ausschlaggebend für den Projektstart waren damals die rund 90 Erstinteressentinnen und Erstinteressenten. Ohne die hätte das Projekt nicht starten können. Im Anschluss gab es eine „Keller-Schau“, bei der jeder einzelne Keller besichtigt wurde, um vorab alle relevanten Informationen zu erhalten. So wurden Daten aufgenommen, Fotos gemacht und Fragen mit den Kundinnen und Kunden geklärt. All das war für die Auslegung des Nahwärmenetzes wichtig. Nachdem die Kennzahlen standen, wurden verschiedene Informationsveranstaltungen durchgeführt. Themen gab es viele, wie beispielsweise Ausführungen zur Planung, zum Preismechanismus oder zu Lieferverträgen. Um die Verlegung der Anschlüsse, das Beseitigen alter Heizkessel und Alt-Öls kümmerten sich die Stadtwerke gemeinsam mit beauftragten Partnerunternehmen. 

In den Häusern neu installiert wurden eine Übergabestation mit einem Wassertank und ein Pufferspeicher – alles ohne großen Aufwand und platzsparend. Derzeit sind etwa 150 Häuser an das Nahwärmenetz des Bioenergiedorfes Möggingen angeschlossen. 
Potenzial besteht für weitere 50 bis 100 Häuser, die noch hinzukommen könnten. Aktuell stammt die Nahwärme aus 60 Prozent Biorohgas und 40 Prozent Hackschnitzel. Der Kessel verfügt über mehr Leistung. Mit in den Preis einkalkuliert wurde eine 24-stündiger Bereitschaftsdienst, der 365 Tage vor Ort ist – falls Defekte am Pufferspeicher oder der Übergabestation eintreten. „Wir haben eine Vollkostenrechnung gemacht und langfristig gedacht,“ betont Joachim Kania. 

Anstelle von 150 einzelnen Schornsteinen ragt ein zentraler Schornstein der Heizungszentrale über das Dorf. Dieser wurde mit modernster, leistungsstarker Filtertechnik ausgestattet. Das sorgt für saubere Luft im Ort und geringe Emissionswerte. So spart das Nahwärmenetz mehr als 1.100 Tonnen klimaschädigende Treibhausgase jährlich ein. Die Einsparung entspricht in etwa einem Wald mit 200.000 Buchen. 

 

Ohne Fördermittel gäbe es das Pionierprojekt nicht

Die Stadt Radolfzell ist schon lange eine klimaaktive Kommune. Sie war es, bevor das Thema Klimaschutz weite Verbreitung und Aufmerksamkeit fand. Somit waren die Treiber für das Bioenergiedorf Möggingen die Einwohnerinnen und Einwohner, aber auch der Ortsvorsteher, gepaart mit dem Interesse der Stadt und den Stadtwerken Radolfzell. 

Doch ganz ohne Fördermittel wäre das Pionierprojekt nicht zustande gekommen. Sie spielten insbesondere eine Rolle, um die Kunden an das Nahwärmenetz anzuschließen. Kundinnen und Kunden mussten keine 20.000 Euro für ihren Anschluss in die Hand nehmen. Das überzeugte so manch eine Einwohnerin und Einwohner Möggingens, bei dem die Heizung noch gut funktionierte. 
Ein wichtiger Partner für das Projekt war der Landwirt Mark Lehm. Dieser nahm Investitionen von mehreren Millionen für seine Biogasanlage in Kauf. Dafür konnte ihm im Gegenzug mit der EEG-Formel und einer Abnahmesicherheit für 20 Jahre Planungssicherheit gegeben werden.   

Die Vollkostenrechnung geht auf

Seit zehn Jahren findet einmal jährlich eine gut besuchte Infoveranstaltung im Dorf statt. Hier können sich die Bürgerinnen und Bürger Möggingens darüber informieren, wie viel Wärme und Strom erzeugt und wie viel CO eingespart wurde. „Zwar gab es in der Bürgerschaft zwischendurch zwiegespaltenes Echo und wir mussten am Anfang teilweise doch starke Überzeugungsarbeit leisten. Doch seit letztem Jahr müssen wir niemanden mehr überzeugen“, erzählt Joachim Kania. 
Grund ist, dass der Biorohgaspreis auf 20 Jahre festgeschrieben ist – mit einem leicht inflationär bedingten Steigerungsfaktor. Die Preise für Hackschnitzel sind gegenwärtig ebenfalls stabil. Das trägt den Preis für die Nahwärme. Wohingegen der Preis für Öl innerhalb eines Jahres um 150 Prozent gestiegen ist. 


Bei einem Heizungstausch wäre ebenfalls deutlich mehr zu beachten. Hier fallen Kosten für die Anlage oder einzelne Elemente, für die Technikerin oder den Techniker, die Installation und Wartung der Anlage sowie für die Schornsteinfegerin und den Schornsteinfeger sowie gegebenenfalls für Reparatur und Service an. Bei einem Primärenergiefaktor  von null und 100 Prozent erneuerbaren Energien entfallen all diese Kosten zugunsten der Einwohnerinnen und Einwohner Möggingens.

Das Bioenergiedorf Möggingen hat Vorbildcharakter

Was die Leute heute sichtlich bewegt, ist die Versorgungssicherheit. Denn sie sind unabhängig von Erdgas und das zu einem gesicherten Preis für Rohgas. Dieser setzt sich aus einem Grundpreis und einem Arbeitspreis mal die verbrauchte Kilowattstunde zusammen. Sie müssen nicht für den 10-fachen Preis nachkaufen. Damit geht die Rechnung auf, die schon vor über zehn Jahren gemacht wurde.

Das Interesse am Bioenergiedorf Möggingen ist groß. Mehr als 100 Anfragen seitens Vertreterinnen und Vertreter von anderen regionalen und überregionalen Orten gab es bereits. Selbst eine Delegation aus Japan kam, um sich die Energiewende „made in Germany“ in Radolfzell anzuschauen. 

Vertreterinnen und Vertreter der Stadtwerke Radolfzell führen eine japanische Delegation durch die Heizzentrale des Bioenergiedorfes Möggingen
Eine Delegation aus Japan besichtigt das Bioenergiedorf Möggingen // Copyright: Stadtwerke Radolfzell

„Auf all das sind die Menschen in Möggingen und wir als Stadtwerke Radolfzell sehr stolz“, äußert sich Joachim Kania. Möggingen macht die Energiewende sehr transparent. Das schweißt die Belegschaft der Stadtwerke Radolfzell genauso wie die Dorfgemeinschaft zusammen. „Für uns ist es ein echtes Vorzeigeprojekt mit Pioniercharakter“, so Joachim Kania. Von diesem erhoffen sich die Einwohnerinnen und Einwohner sowie die Projektbeteiligten, dass es weit in andere Orte hinausausstrahlt und dort die regionale Wärme- und Energiewende vorantreibt – genau wie das Vorzeigeprojekt Solarenergiedorf Liggeringen der Stadtwerke Radolfzell.

Bedeutende Faktoren, die das Bioenergiedorf Möggingen ermöglichten

  • Aktive Bürgerschaft mit einem Ortsvorsteher, die das Projekt vorantrieben
  • Bürgerdialoge und jährliche Status quo Infoveranstaltungen
  • Unterstützung seitens der Stadt und der Stadtwerke Radolfzell
  • Fördermittel und passende Partner
  • Vorausschauendes Konzept mit Vollkostenrechnung 
  • Regionalität und Versorgungssicherheit  

Technische Beschreibung: Bioenergiedorf Möggingen

In der Heizzentrale Möggingen wird das Wasser erwärmt. Über eine im Boden verlegte Vorlaufleitung wird das warme Wasser in die Häuser der Kundinnen und Kunden des Nahwärmenetzes gepumpt. Hier gelangt die im Wasser gespeicherte Wärme an der Übergabestation mittels Wärmeüberträger in das Haus. Anschließend wird das abgekühlte Wasser wieder per Rücklaufleitung zurück zur Heizzentrale geleitet. Hier schließt sich der Kreislauf, denn das Wasser wird erneut erwärmt und der Kreislauf beginnt von neuem. Damit unterwegs nicht viel Wärme verloren geht, werden die Erdwärme-Leitungen besonders stark gedämmt. Das reduziert Leitungsverluste. Die Stadtwerke Radolfzell sind zuständig für Betrieb und Wartung des Fernwärmenetzes.

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