Wärme kommunal geplant

Die Kommunen spielen eine wichtige Rolle bei der Wärmewende: Wir zeigen vier Beispiele, in denen Gemeinden für ihre Neubaugebiete mit Energiekonzepten neue Wege gegangen sind und dabei neben dem Klimaschutz auch die Kosten für die Bauwilligen im Auge behalten haben.

Schlier: Echt klimaneutral mit kalter Nahwärme

Die oberschwäbische Gemeinde Schlier liegt wenige Kilometer östlich von Ravensburg. Der Ort mit knapp 4.000 Einwohnern ist überwiegend landwirtschaftlich geprägt. Wie viele Gemeinden stand auch Schlier vor der Herausforderung, ein Neubaugebiet zu planen. „Uns war es dabei wichtig, neue Wege zu gehen“, erzählt Katja Liebmann, seit 2016 Bürgermeisterin der Gemeinde: „Wir wollten für das Baugebiet echte Klimaneutralität.“

Bei der Suche nach Lösungen stieß der Gemeinderat auf die „kalte Nahwärme“: Kalte Nahwärmenetze werden mit vergleichsweise geringer Temperatur betrieben. Erdwärmesonden versorgen die Gebäude mit Wärmeenergie, der Strom für die Wärmepumpen kommt von Photovoltaikanlagen, die sich die Bauenden verpflichtend aufs Dach setzen müssen.

Aufnahme des Neubaugebiets in Schlier
Neue Wege bei der Wärmeversorgung: Das Neubaugebiet in Schlier bekommt ein kaltes Nahwärmenetz. // Copyright: Gemeinde Schlier

„Es gibt kein Gas in dem Baugebiet, alle müssen klimaneutral bauen“, erklärt die Bürgermeisterin. Die Gemeinde hat festgelegt, dass die Neubauten dem KfW-Standard 55 entsprechen müssen, dass sei für die Bauwilligen eine Besonderheit. Trotzdem sei der Zuspruch hoch gewesen: „Bauplätze sind in unserer Gemeinde sehr begehrt. Wir hatten 29 Plätze zu vergeben, dafür gab es 100 Bewerbungen“, so Liebmann.

Die Wärmeversorgung sollte nicht nur klimaneutral, sondern auch wirtschaftlich sein, das war dem Gemeinderat von Anfang an wichtig. Mit dem BAFA-Förderprogramm Wärmenetze 4.0, das 40 % der Tiefbaukosten übernahm, konnte diese Ziel erreicht werden. „Die Förderung hat reibungslos funktioniert und war Voraussetzung, um das Projekt überhaupt umsetzen zu können“, so Liebmann.

Stadtplanung und Klimaschutz eng verzahnt

Rechtlich und technisch sei das Projekt sehr anspruchsvoll gewesen. Deshalb habe man von Anfang an auf professionelle Unterstützung gesetzt. Die Bürgermeisterin hat bei der Planung und Umsetzung viel gelernt: „Das Projekt hat mir gezeigt, dass Stadtplanung und Klimaschutz ganz eng miteinander verzahnt sind“, so Liebmann. In Schlier sei man an das Energiekonzept gegangen, als der Bebauungsplan schon fertig war. „Ich halte es für sinnvoller, früher zu starten und beides zeitgleich zu entwickeln“, weiß die Bürgermeisterin heute.

Liebmann findet, dass die Größe der Gemeinde bei der Planung und Umsetzung eines Energiekonzepts keine Rolle spielen muss: BAFA-Förderung und die Unterstützung durch externe Experten haben in Schlier wunderbar funktioniert. „Ich kann andere Gemeinden nur ermutigen, auch etwas zu tun“, sagt die Bürgermeisterin.

Fellbach: Wärme und Strom aus Biogas

In Fellbach versorgen die Stadtwerke einen großen Teil der über 45.000 Einwohner mit Strom und Wärme. Die Wärmeerzeugung übernimmt eine Vielzahl von einzelnen Heizzentralen mit Blockheizkraftwerken, von denen vier  mit Biomethan betrieben werden. Dazu kommt eine Vielzahl kleinerer Wärmeerzeugungsanlagen zur Versorgung einzelner Objekte.

Schon seit über zehn Jahren betreiben die Stadtwerke Fellbach eine Biogasanlage am Stadtrand. Der „Treibstoff“ dafür kommt von Bauern aus der Umgebung, das Gas geht an zwei Schulzentren. Dort generieren Blockheizkraftwerke Wärme und Strom. Auch an die Biogasanlage selbst ist ein Blockheizkraftwerk angeschlossen. Dieses speist ein kleines Nahwärmenetz mit Energie und heizt so Gärtnereien und Wohnhäuser in der Nähe.

Biogasanlage Stadtwerke Fellbach
Schon seit über zehn Jahren erzeugen die Stadtwerke Fellbach Strom und Wärme aus Biogas. // Copyright: Stadtwerke Fellbach

Einen neuen Ansatz verfolgen die Stadtwerke für ein Quartier in der Nähe des Fellbacher Bahnhofs: Die Wärmeversorgung für eine Jugendmusikschule, eine Volkshochschule, mehrere kleiner Gewerbeeinheiten und etwa 40 Wohneinheiten stelle ein Blockheizkraftwerk sicher. Mit Photovoltaikanlagen auf den Dächern bieten die Stadtwerke hier seit 2018 Mieterstrom anbieten.

Vertretbare Wärmepreise sind wichtig

„Wir wollen immer eine Lösung, bei der die Endkundenpreise, die Gesamtpreise und die sinnvolle Ausnutzung der eingesetzten Primärenergie in einem guten Verhältnis stehen“, sagt Timo Schlotz, Asset Management Wärmecontracting und Erneuerbare Energien bei den Stadtwerken Fellbach. „Wichtig ist, dass wir den Endverbraucherinnen und -verbrauchern vertretbare Wärmepreise in Rechnung stellen können.“

Dabei probieren die Stadtwerke auch neue Wege aus: So sollten Solarkollektoren das Neubaugebiet Rotkehlchenweg mit Wärme versorgen. Allerdings funktionierte die Technik eines Teils der Gesamtanlage nicht zuverlässig, ein hocheffizientes Kraft-Wärme-Kopplungssystem ergänzt jetzt die Wärmeerzeugung.

Trotzdem sind die Stadtwerke entschlossen, auch in Zukunft innovative und unkonventionelle Lösungen zu finden, die Wärmewende bleibt auch in Fellbach ein Thema mit Priorität.

Mönchweiler: Nicht nur von Klimaschutz reden

Klimaschutz und Energieeffizienz waren in Mönchweiler schon länger ein Thema. Die Straßenbeleuchtung der Gemeinde vor den Toren Villingen-Schwenningens wurde bereits auf LED umgestellt, es gibt ein Blockheizkraftwerk, und Photovoltaik wird stark vorangetrieben. „Statt nur vom Klimaschutz zu reden wollten wir Vorreiter sein“, sagt Rudolf Fluck, der Bürgermeister der Gemeinde.

Erwägungen zum Klimaschutz spielten so auch eine wichtige Rolle, als es um die Wärmeversorgung des Neubaugebiets Kälberwaid ging. Zuerst sollte eine Hackschnitzelanlage ein Nahwärmenetz speisen. Der Gemeinderat besuchte aber andere Gemeinden, um sich ein Bild von alternativen Wärmekonzepten zu machen. Dabei lernten sie die kalte Nahwärme kennen. „Wir haben dann die Machbarkeit für unser Neubaugebiet überprüfen lassen und festgestellt, dass wir sehr gute geologische Voraussetzungen haben“, erinnert sich Fluck.

Aufnahme der Gemeinde Mönchweiler
Die geologischen Voraussetzungen für kalte Nahwärme sind in Mönchweiler sehr gut. // Copyright: Gemeinde Mönchweiler

Der Boden aus Granit und rotem Sandstein eignet sich sehr gut für ein kaltes Nahwärmenetz. Bohrungen für die Erdwärmesonden sind bis zu 200 m Tiefe ohne zusätzliches Vergießen von Beton möglich. In Gebiet Kälberwaid sollen 100 Wohneinheiten entstehen. Bauwillige sind zum Anschluss an das Nahwärmenetz verpflichtet. Die Gebäude müssen mindestens dem KfW-Standard 55 entsprechen, Photovoltaik ist verpflichtend. Um Nachfrage sorgt sich Fluck nicht: „Seit Jahren haben wir zu wenig Wohnbaufläche in Mönchweiler, Leerstände sind praktisch immer sofort weg.“

Pionier im Landkreis 

Dazu kommt, dass der Bau auch finanziell äußerst attraktiv ist: Für Gebäude und Anschluss erhalten Bauwillige Förderung von der KfW. 50 % der Planungskosten für das Netz erhält die Gemeinde von vom Förderprogramm BAFA Wärmenetze. „Wir werden über Jahrzehnte einen konstanten, günstigen Wärmepreis anbieten können, das ist für Bauträger natürlich sehr attraktiv“, so Fluck.

Als nächstes stehen Probebohrungen an. Die werden zeigen, wie ergiebig die Wärme im Untergrund tatsächlich ist und wie viele Bohrungen nötig sein werden. Wenn alles nach Plan geht, wird die Rohbaufläche im Herbst 2021 zur Verfügung stehen.

Für Mönchweiler ist diese Art der Wärmeversorgung Neuland. „Wir sind im Landkreis die erste Gemeinde, die so etwas macht“, sagt Fluck. Der Bürgermeister ist aber überzeugt, dass sich dieser Weg auch für andere Gemeinden lohnen kann: „Wenn eine Gemeinde die Möglichkeit hat und wenn die geologischen Voraussetzungen stimmen, ist mit der staatlichen Förderung jetzt eine sehr gute Zeit, auch einmal neue Wege zu gehen.“

Freiburg-Tiengen: Mix aus Ökologie und Wirtschaftlichkeit

Im Freiburger Stadtteil Tiengen entsteht das 62 ha große Baugebiet „Hinter den Gärten“. Für die Wärmeversorgung suchte die Stadt die ökologischste Variante, die maximal 10 % teurer sein durfte als die Basisvariante Gas plus Solarthermie, was aktuell die gesetzliche Mindestanforderung ist. Die Machbarkeitsstudien für die technischen Lösungen erstellte die endura kommunal GmbH. Das Unternehmen ist spezialisiert auf Dienstleistungen im Energie- und Klimaschutzbereich für Kommunen und Stadtwerke.

Ausnahme des Stadtteils Tiengen
Im Freiburger Stadtteil Tiengen entsteht ein 62 ha großes Neubaugebiet. // Copyright: Volatus, CC BY-SA 4.0

„Wir hatten den Auftrag, verschiedene Wärmeversorgungsvarianten für das Neubauquartier zu erarbeiten“, so Sarah Berberich, Projektleiterin bei endura kommunal. Für das Wohngebiet sind 42 drei- oder viergeschossige Mehrfamilienhäuser geplant, dazu ein Quartiershaus und eine Kita. „Zunächst haben wir Energiebedarfsprognosen für die Gebäude erstellt und anschließend Potenziale für die Nutzung von erneuerbaren Energien oder für verschiedene Energieträger ermittelt.“

Gängige Förderprogramme berücksichtigen

„Abwasserwärme war nur eine von vielen möglichen Energiequellen“, erklärt Michael Birk, Projektleiter bei endura kommunal. Auch Wasser-Wärmepumpen oder eine Netzvariante mit Erdkollektorlösungen habe man geprüft, dazu noch Pellets, einmal als zentrale und als dezentrale Lösung. „Am Schluss haben wir alle Varianten wirtschaftlich und ökologisch miteinander verglichen“, erklärt Birk. Beim ökologischen Vergleich ging es um den Schadstoffausstoß und das CO₂-Äquivalent der Variante.

„Für den wirtschaftlichen Vergleich haben wir alle gängigen Förderprogramme mit einberechnet und auch den CO₂-Preis ab 2021, der sich ja stufenweise erhöhen wird“, erklärt Berberich. Zwei Lösungen waren zunächst vielversprechend: die dezentrale Versorgung der Gebäude mit Wärmepumpen, wobei Luft-Wasser-Wärmepumpen oder Erdkollektoren zum Einsatz kommen könnten. Oder die zentrale Versorgung durch ein kaltes Nahwärmenetz, dabei könnte Wärmerückgewinnung aus Abwasser oder mit Erdkollektoren integriert werden. Die Empfehlung von endura kommunal war schließlich der Einsatz von Wärmepumpen mit Erdkollektoren, diese Lösung bietet den besten Mix aus Ökologie und Wirtschaftlichkeit.

Solarenergiedorf Schluchsee: Größtes Kollektorfeld in Südbaden

Die Gemeinde Schluchsee mit etwa 2.500 Einwohnern am gleichnamigen Schwarzwaldsee ist ein beliebtes Ziel für Touristen. Nahwärmenetze waren in den letzten Jahren immer wieder ein Thema im Ort. Dass die Gemeinde schließlich einem Bau zustimmte, hatte viel mit der Nachbargemeinde Bonndorf zu tun.

„Wir finden es sinnvoll, nach so einer Art Dominoprinzip immer in die nächste Gemeinde zu gehen“, sagt Bene Müller, Vorstand der Solarcomplex AG. Das Unternehmen betreibt regenerative Wärmenetze in 18 Gemeinden, unter anderem zwei in Bondorf. „Wenn jede und jeder im Ort Verwandte oder Bekannte im Nachbarort hat, ist das Thema Wärmenetz gleich viel weniger exotisch“, erklärt Müller. So konnten sich die Schluchseer in Bonndorf Wärmenetze in der Praxis anschauen und mit Solarcomplex gleichzeitig ihren Partner für die Planung und Umsetzung kennenlernen. Für das Unternehmen ist Schluchsee schon das dritte Netz, bei dem solarthermische Energie eingebunden ist.

Heizhaus
Im Heizhaus sorgen zwei Holzhackschnitzelanlagen und ein Öl-Spitzenlastkessel für Wärme. // Copyright: Solarcomplex AG
 Solarkollektorfeld
Das Solarkollektorfeld ist das größte in Südbaden. // Copyright: Solarcomplex AG

Erster Großkunde angeschlossen

Das Besondere an dem Projekt in Schluchsee: Das fast 11 km lange Netz wird zu 98 % durch erneuerbare Energie gespeist. Eine Solarthermieanlage trägt dazu übers Jahr gesehen 20 % bei, 78 % der Energie kommen von zwei Holzhackschnitzelanlagen. Maximal 2 % trägt ein Öl-Spitzenlastkessel bei. Im Sommer kommen sogar 100 % der Wärmeenergie von der Solarthermieanlage, die mit einem 3.300 m² großen Kollektorfeld die größte in Südbaden ist.

Das Netz wird in Schluchsee 190 Teilnehemer mit Wärme versorgen, darunter alle kommunalen Gebäude. Auch der größte Verbraucher im Ort, ein Hotel, hat sich für einen Anschluss entschieden. Für Müller eine Besonderheit: „In unseren eher ländlichen Bioenergiedörfern gibt es sonst keine echten Großkunden.“ Allein das Hotel benötigt 400.000 Liter Heizöl pro Jahr, soviel wie 100 Einfamilienhäuser. Insgesamt wird das Nahwärmenetz in Schluchsee 2.400 t CO₂ pro Jahr einsparen.

Maximale Förderung vom Land

Das gesamte Projekt kostet 11 Mio. Euro, aus dem Landesförderprogramm „Energieeffiziente Wärmenetze“ gibt es insgesamt 250.000 Euro als Förderung: Zu der maximalen Fördersumme von 200.000 Euro kommen noch einmal 50.000 Euro als Bonus für „Einsatz von Solarthermie“.

Die ersten Bauabschnitte sind schon abgeschlossen, ein Teil der Gebäude wird bereits seit Anfang 2020 mit Wärme versorgt. Jetzt kommen straßenweise weitere Gebäude dazu, bis Ende 2020 soll der Bau des Netzes abgeschlossen sein. Auch das Kollektorfeld wird noch dieses Jahr fertig und ab Frühjahr 2021 Wärme liefern. Der offizielle Abschluss des Projekts ist dann zum Sommer 2021 geplant. „Wenn es die Lage zulässt, wird es eine schöne öffentliche Einweihung geben“, so Müller. Das nächste Netz hat das Unternehmen schon im Blick: in der Nachbargemeinde Häusern.

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