Mehr Vernetzung wagen: TransnetBW und Netze BW proben das Energiesystem von morgen

Die Energieversorgung ist im Wandel: Erneuerbare Energieträger lösen die fossilen ab, zunehmend ergänzen oder ersetzen viele kleinere Anlagen die großen Kraftwerke. Für das Stromnetz ist diese Dezentralisierung eine Herausforderung. Mit der Initiative „DA/RE“ erproben Netzbetreiber in Baden-Württemberg jetzt die Zusammenarbeit, um den dezentral erzeugten Strom besser zu nutzen

Windräder
Windkraftanlagen erzeugen Strom dezentral und in Abhängigkeit von der Wetterlage

„DA/RE“ steht für „Datenaustausch/Redispatch“. Im Englischen bedeutet das Wort „dare“ aber auch „Neues wagen“. Und das tun jetzt der Übertragunsnetzbetreiber TransnetBW und der Verteilnetzbetreiber Netze BW mit Unterstützung des baden-württembergischen Umweltministeriums. Denn das gesamte Erzeugungssystem ist im Wandel. Die klassische Rollenaufteilung zwischen den Netzbetreibern verändert sich. Bisher transportierten die Übertragunsnetzbetreiber den Strom von den zentralen Großkraftwerken ins Verteilnetz. Über dieses gelangte er schließlich an die Abnehmer – ein Einbahnstraßensystem mit klaren Verantwortlichkeiten. 

Strom wird dezentral 

Heute gibt es bereits 2 Mio. dezentrale Stromerzeuger. Dazu gehören z. B. Biogasanlagen, Windräder oder Solaranlagen auf dem Hausdach, deren Einspeisung naturgemäß schwankt. Ihre Zahl wird weiter steigen – und damit auch die Herausforderungen für die Netzbetreiber. Denn kleinere Anlagen sind nicht ans Übertragungsnetz angeschlossen, sondern ans Verteilnetz, das jetzt den Strom nicht nur verteilt, sondern auch aufnehmen muss. Der Betrieb der Netze wird herausfordernder. Mit der Initiative DA/RE wollen die Netzbetreiber in Baden-Württemberg daher abgestimmte Prozesse entwickeln, um diese Anlagen besser einzubinden. Herzstück ist eine digitale Plattform, auf der die Netzbetreiber Daten austauschen, um Maßnahmen zur Netzstabilisierung über alle Netzebenen hinweg zu koordinieren und dabei auch die dezentralen, erneuerbaren Anlagen einzubinden. 

Erneuerbare für Engpässe

Eine entscheidende Rolle spielt dabei der sogenannte Redispatch: Übertragungsnetzbetreiber sind verpflichtet, ihre Stromeinspeisung der Nachfrage anzupassen, um Engpässe zu vermeiden, die Netzstabilität sicherzustellen und so die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Redispatch bezeichnet den Prozess, wenn der „Fahrplan“ der Einspeisung wegen kurzfristiger Schwankungen angepasst werden muss. Je nach Anforderung heißt das, entweder bestehende Anlagen vom Netz zu nehmen und so die Einspeisung zu reduzieren, oder – bei höherer Nachfrage – Reservekraftwerke hochzufahren. In Zukunft können und sollen auch Anlagen zur Erzeugung aus erneuerbaren Quellen als Reserve einspringen – diese dezentralen Anlagen bieten enormes Potenzial, Kapazitäten für den Redispatch mit klimafreundlichem Strom aus dem Verteilnetz abzudecken. DA/RE soll dieses Potenzial jetzt nutzbar machen. 

Dr. Martin Konermann, Geschäftsführer Technik der Netze BW: „Die Stromnetzbetreiber müssen zur Sicherstellung der Netzstabilität bei regionalen Überlastungen durch die stark schwankende Einspeisung aus erneuerbaren Energien immer öfter eingreifen. Um Umfang und Kosten dieser Eingriffe zukünftig effektiv zu senken und die Systemstabilität zu gewährleisten, wollen wir Flexibilitäten aus unserem Verteilnetz zur Verfügung stellen. Dies wird durch unsere neue digitale Plattform ermöglicht.“

Neue Sicht auf Verantwortung

„Wir beschreiten hier ganz neue Wege“, bestätigt auch Dr. Werner Götz, Vorsitzender der Geschäftsführung der TransnetBW. „Denn wir denken Systemsicherheit und Systemverantwortung nicht mehr in der gewohnten horizontalen Sicht ausschließlich als Übertragungsnetzbetreiber, sondern über alle Netzebenen hinweg.“

Die Pilotphase von DA/RE läuft seit April 2019, den Initiatoren haben sich mittlerweile weitere Netz- und Anlagenbetreiber aus Baden-Württemberg angeschlossen: Das Mannheimer Energieunternehmen MVV und die Stadtwerke Schwäbisch Hall als weitere Verteilnetzbetreiber, MVV Trading, Next Kraftwerke und Entelios als Betreiber virtueller Kraftwerke und das Unternehmen Sonnen, das ein virtuelles Kraftwerk aus Heimspeichern betreibt.

Erste Tests erfolgreich

„Dieses breite Spektrum dezentraler Anlagen bildet den aktuellen Markt für Flexibilitäten sehr gut ab“, sagt Dr. Kilian Geschermann, DA/RE-Projektleiter bei Netze BW. „Gemeinsam können wir so die Prozesse pilothaft mit verschiedenen Verteilnetzbetreibern testen und wertvolle Erfahrungen in den weiteren Projektverlauf einfließen lassen“, ergänzt Florian Gutekunst, DA/RE-Projektleiter bei TransnetBW.

Erste Erfolgsmeldungen gibt es bereits: Batterie-Heimspeicher, Biogasanlagen und ein Abfall- und Heizkraftwerk haben erfolgreich Redispatch-Kapazitäten aus dem Verteilnetz bereitgestellt. Im nächsten Schritt sind weitere Tests geplant, der Datenaustausch soll optimiert werden. Das Ziel von DA/RE ist schließlich die komplette Automatisierung von Redispatch-Abrufen aus dem Verteilnetz – ein weiterer wichtiger Schritt für die Energiewende.

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