Unkonventionell: Traditionsunternehmen realisiert innovatives Wärmewende-Projekt

Familienunternehmen wie die Rösch Gruppe in Tübingen sind fester Teil der Lokalhistorie und gestalten die Wertschöpfung in der Region mit. Das Textilunternehmen hält nicht nur die Vergangenheit in Ehren: Mit bemerkenswertem Einfallsreichtum entwickelten sie mit den Tübinger Stadtwerken (swt) ein zukunftsweisendes Projekt, bei dem vorhandene Ausschussressourcen der Produktion für die Wärmeversorgung der Stadt nutzbar werden. 

Dieses Projekt wurde vom Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg für seinen besonderen Beitrag zur Energiewende ausgezeichnet. Eine Übersicht aller geehrten Projekte finden Sie hier.

Die beiden Geschäftsführer Arved Westerkamp  (links) und Arnd-Gerrit Rösch (rechts) mit Umweltminister Franz Untersteller
Die beiden Geschäftsführer Arved Westerkamp (links) und Arnd-Gerrit Rösch (rechts) beweisen Innovationsgeist

Innovation heißt Prozesse neu denken  

Die Firma vertreibt Modetextilien und produziert technische Textilien für diverse Anwendungsfelder. Schon seit mehr als 30 Jahren versorgen die Stadtwerke die Betriebe mit Wärme, Strom und Erdgas. Eine langjährige und vertrauensvolle Partnerschaft verbindet die Tübinger Unternehmen. 2017 kamen die Geschäftsführer der Rösch Gruppe dann auf eine clevere Idee: Bei der Textilproduktion entsteht Abluft, die mit einem hohen Energiebedarf gereinigt wird. Bei diesem Behandlungsprozess entsteht Abwärme, die sonst eigentlich durch den Schornstein entweicht. Es sei denn, man speist sie als Fernwärme in das kommunale Wärmenetz ein. Nach rund zwei Jahren Planungs- und Bauzeit ist das Projekt heute erfolgreich realisiert. Es entstand ein Konzept, bei dem die Gegebenheiten der Produktion mit der Versorgungsstruktur der Stadtwerke passgenau ineinandergreifen.

Abfallprodukt wird Wärmelieferant 

Die beim Produktionsprozess entstehende Abluft wird durch eine RTO-Anlage (Regenerative Thermische Oxidations-Anlage) gereinigt. Hierbei wird heiße Luft zunächst abgesaugt und nachbehandelt. Bei der Abkühlung des heißen Abgasstroms in der Anlage nimmt das Heizwasser aus dem Rücklauf der Stadtwerke Wärme auf und wird dann erhitzt in das Wärmenetz rückgeführt. Die bei diesem Energietausch entstehende Abwärme kann nun an einen externen Wärmeverbraucher weitergegeben werden. Die swt schufen hierfür die notwendigen Strukturen: Vom Betriebsgelände der Gerhard Rösch Gruppe wurden über eine Strecke von rund 500 m Fernwärmerohre verlegt. Auf dem Betriebsgelände weitere 400 m. Dank dieser Leitungen kann die aus der Abluftreinigung gewonnene Abwärme in zwei städtische Fernwärmenetze (Fernwärmenetz Uhlandschiene, Fernwärmenetz Südstadt) überführt werden. Betrachtet man die Bilanz des Projekts in Zahlen, staunt man nicht schlecht: Jährlich werden bis zu 5.900 MWh (Megawattstunden) Abwärme genutzt, das entspricht ca. dem Einsatz von 700.000 l Heizöl pro Jahr. Oder ganz konkret: rund 60 % des Jahreswärmeverbrauchs eines der verbundenen Fernwärmenetze. Die Einspeisung der Rösch Gruppe wird durch die swt vergütet. 

RTO-Anlage
Durch die Abluftreinigung in der RTO-Anlage entsteht Abwärme.
Ortwin Wiebecke, Geschäftsführer der Stadtwerke Tübingen
Ortwin Wiebecke, Geschäftsführer der Stadtwerke Tübingen, erläutert die Infrastruktur der Fernwärmenetze.
Vertreter der Gruppe, der Stadtwerke und der Stadt
Ein Team für die Wärmewende: Vertreter der Gruppe, der Stadtwerke und der Stadt arbeiten Hand in Hand.

Ein Projekt: nachhaltig und voller Energie  

Das Projekt der Gruppe zeigt, wie Einfallsreichtum und smartes unternehmerisches Handeln zu mehr Wertschöpfung in der Region führen – sowohl in wirtschaftlicher als auch energiepolitischer Hinsicht. 

Umweltminister Franz Untersteller (Mitte) überreicht Arnd-Gerrit Rösch (links) und Ortwin Wiebecke die Ehrung „Hier wird die Energiewende gelebt“
Umweltminister Franz Untersteller (Mitte) überreicht Arnd-Gerrit Rösch (links) und Ortwin Wiebecke die Ehrung „Hier wird die Energiewende gelebt“

Die Stadtwerke erweitern nun Schritt für Schritt ihr Wärmeerzeugungsportfolio. Und wer weiß, vielleicht inspiriert das Projektbeispiel auch noch weitere Unternehmen, eigene Ausschussressourcen auf eine nachhaltige Art und Weise weiter zu nutzen. Dieses nachhaltige und nachahmenswerte Wärmewende-Projekt wurde mit der Ehrung „Hier wird die Energiewende gelebt“ ausgezeichnet.  

Verwandte Themen

Artikel teilen: tweet teilen