Der „grüne Süden“ und die Energiewende im Tourismus

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Andreas Braun ist Geschäftsführer der Tourismus Marketing GmbH und Direktor des Tourismusverbands Baden-Württemberg e.V. Im Interview spricht er über den Süden Deutschlands als Tourismusstandort und seine Entwicklungen in Sachen Energiewende.

Herr Braun, zum Einstieg direkt eine grundsätzliche Frage: Tourismus und Energiewende – wie geht das eigentlich zusammen?

Vordergründig haben die beiden Themen nicht viel miteinander zu tun. Wenn wir den Tourismus aber als Ganzes betrachten, wird schnell klar, wie eng beides zusammenhängt. Von der Anreise bis zu den Angeboten vor Ort spielen bei den meisten Urlaubsreisen energieintensive Aktivitäten eine große Rolle. Das gilt für das Übernachten im Hotel genauso wie für den Besuch im Thermalbad. Der nachhaltige Umgang mit unseren Ressourcen, aber auch der Einsatz erneuerbarer Energien, sind inzwischen bei den Tourismusbetrieben als wichtige Themen etabliert.  

Inlandsreisen und Trips innerhalb der Region erfreuen sich steigender Beliebtheit – besonders aktuell, in Zeiten der Corona-Pandemie. Nennen Sie die Top 3 der Aspekte, die Baden-Württemberg als Reiseziel ausmachen.

An erster Stelle steht hier unsere unvergleichliche Natur mit den endlosen Möglichkeiten für Wanderungen, Radtouren und einfach alle Aktivitäten im Freien. Um Wildnis zu entdecken, braucht man eben nicht weit zu reisen. Die gibt es tatsächlich auch hier, vor der eigenen Haustür. Außerdem überzeugt Baden-Württemberg mit seinem faszinierenden kulturellen Erbe, den ungezählten Burgen und Schlössern, mehr als 1.300 Museen und den vielen wunderbaren Städten. Und als dritten Punkt würde ich den kulinarischen Reichtum unseres Landes nennen. Ein guter Tropfen Wein, ein Besuch im örtlichen Gasthof oder die vielen regionalen Spezialitäten – all das gehört bei einer Reise in Baden-Württemberg einfach dazu.

Tourismus BW betreibt das Projekt „Grüner Süden“. Hier liegt der Fokus auf umweltfreundlicher Mobilität, klimaverträglichen Unterkünften sowie regionaler Produktvielfalt. Welche Entwicklungen sehen Sie hinsichtlich dieser Themen bei den baden-württembergischen Tourismusbetrieben?

Hier gibt es längst einen Bewusstseinswandel quer durch die ganze Branche. Das liegt zum einen an der stark gewachsenen Nachfrage, die Umweltbewusstsein und Klimaverträglichkeit aus der „Öko-Nische“ geholt hat. Aber auch an der inzwischen weit verbreiteten Erkenntnis, dass weitsichtiges, klimafreundliches Wirtschaften auch zum ökonomischen Erfolg der Unternehmen beiträgt. Gewandelte Nachfrage und wirtschaftliche Interessen gehen hier Hand in Hand.  

Sie setzen einen großen Schwerpunkt auf Baden-Württemberg als optimalen Ort für nachhaltiges Reisen. Welche Besonderheiten zeichnen den Standort hierbei aus?

Das beginnt schon bei der Anreise, die bekanntlich oft den größten Fußabdruck hinterlässt. Ein Urlaub im eigenen Land ist ressourcenschonender als eine Fernreise. Diese Erkenntnis setzt sich bei den Deutschen immer mehr durch. Aber auch bei der Mobilität vor Ort hat sich viel getan. Gästekarten wie KONUS im Schwarzwald oder die neue AlbCard bieten dem Urlaubsgast eine kostenlose Nutzung von Bus und Bahn während des Aufenthalts. Doch Mobilität ist nicht alles. Auch bei der Wahl der Unterkunft oder beim Restaurantbesuch können Urlauber ganz bewusst auf nachhaltige Anbieter setzen. Als Beispiele für viele weitere Initiativen seien hier die Naturparkhotels, die Biosphärengastgeber oder die Schmeck-den-Süden-Betriebe genannt, die alle nach strengen Kriterien zertifiziert sind.

Wo und wie können Reisende hier im Land besonders klimafreundlich und energieeffizient Urlaub machen?

Zertifizierte Unterkünfte und Restaurants gibt es mittlerweile im ganzen Land, da hat sich wirklich viel getan. Manche Unterkunft garantiert ihren Gästen sogar einen komplett klimaneutralen Aufenthalt. Doch es gibt Regionen, die hier als Vorreiter und Vorbilder bezeichnet werden können. Das Biosphärengebiet Schwäbische Alb etwa war 2017 Sieger des Bundeswettbewerbs Nachhaltige Tourismusdestination. Und die Region Nördlicher Schwarzwald gehört seit kurzem zur nationalen Exzellenzinitiative Nachhaltige Reiseziele. Darauf dürfen wir stolz sein.

Einige Energiewendemaßnahmen stehen im Bereich Tourismus in der Kritik: Hoteliers und Gastronomen fürchten z. B., dass sich Windparks im Landschaftsbild geschäftsschädigend auswirken könnten. Was sagen Sie dazu?

Natürlich muss hier jeweils vor Ort abgewogen und entschieden werden. Aber letztlich ist es doch so: Wir können nicht auf einen klimafreundlichen und nachhaltigen Urlaub in Baden-Württemberg setzen und gleichzeitig gegen jedes Windrad auf die Barrikaden gehen. Das passt nicht zusammen.

Was können Tourismusbetriebe konkret beisteuern, um zum Gelingen der Energiewende beizutragen?

Hier hat jeder Betrieb eine Vielzahl an Möglichkeiten, die ja auch oft schon umgesetzt werden. Das beginnt bei der Modernisierung der Heizungsanlage und hört bei der Verwendung regionaler Produkte noch lange nicht auf. Manchmal sind es auch Kleinigkeiten, die viel bewirken: Als Beispiel möchte ich einen kostenlosen Shuttleservice nennen, mit dem man Gästen die Anreise mit der Bahn erleichtern kann.

Wie können Sie als Tourismus Marketing GmbH BW die Betriebe dabei unterstützen?

Unsere Aufgabe ist es hier vor allem, nachhaltige Angebote im Land zu bündeln und zu vermarkten. Mit unserer Initiative „Grüner Süden“ machen wir das schon seit 2012. Mit unserem Engagement für dieses Thema senden wir aber auch viele Impulse in die Branche und schaffen damit ein Bewusstsein dafür, vor Ort und im eigenen Betrieb selbst aktiv zu werden.

Andreas Braun im Interview
Andreas Braun, Geschäftsführer der Tourismus Marketing GmbH Baden-Württemberg // Copyright: TMBW_Kreymborg

Über Andreas Braun:

Andreas Braun ist Geschäftsführer der Tourismus Marketing GmbH Baden-Württemberg und Direktor des Tourismusverbands Baden-Württemberg e. V. Nachdem er in Tübingen und Wien Germanistik, Slawistik und Geschichte studiert hatte, war er zwölf Jahre lang Redakteur und später Chefredakteur der Wochenzeitung Sonntag Aktuell.  

 

Den Urlaub mit „Abstand“ genießen 

Bereit für die Reise? Genießen Sie Ihren Urlaub mit „Abstand“! Achten Sie aufgrund der aktuellen Corona-Situation besonders auf sich und Ihre Mitmenschen. Waschen Sie Ihre Hände regelmäßig ausreichend und desinfizieren Sie diese bei Bedarf. Halten Sie die Abstandsregeln von mind. 1,50 m ein und Niesen bzw. Husten Sie ausschließlich in Ihre Armbeuge. Wir wünschen Ihnen eine gute Reise – bleiben Sie gesund! 

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