Energy-Only-Markt 2.0

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Welche Architektur braucht der Strommarkt der Zukunft – in Baden-Württemberg, Deutschland und Europa?

Der Strommarkt, wie wir ihn kennen, befindet sich im Umbruch. Erneuerbare Energien spielen eine immer bedeutendere Rolle. Die europäischen Märkte wachsen immer weiter zusammen. Außerdem endet 2022 in Deutschland das Zeitalter der Kernenergie. Es braucht neue Investitionsanreize für Betreiber alter und neuer Kraftwerke. Kann das alles ein Energy-only-Markt (EOM) überhaupt allein bewerkstelligen?

Die Frage nach dem Markt der Zukunft und den richtigen Stellschrauben hat das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) unter dem damaligen Minister Sigmar Gabriel zur Chefsache erklärt. Dazu gab das Ministerium zunächst Studien in Auftrag und sammelte diese gemeinsam mit weiteren, bereits existierenden Studien in einem sogenannten Grünbuch. Dieses im Oktober 2014 vorgelegte Grünbuch „Ein Strommarkt für die Energiewende" (PDF-Download) sollte eine breite, lösungsorientierte Diskussion und eine fundierte politische Entscheidung über das zukünftige Strommarktdesign anregen.

Balkendiagramme und Kursinformationen die sich überlagern
Erneuerbare Energien spielen am Strommarkt eine immer größere Rolle. // Copyright: Shutterstock/ramcreations

Lösungsansatz: ein flexibilisierter Markt

Die übergreifende These der Studien: Zusätzliche Kapazitätsmechanismen seien nicht nötig, wenn der bestehende Marktrahmen gezielt weiterentwickelt und die Nachfrage deutlich flexibler gestaltet werde. Ein erweiterter, neuer Strommarkt sollte v. a. zwei Aufgaben erfüllen: Erstens die Vorhaltefunktion, die dafür sorgt, dass ausreichend Kapazitäten vorhanden sind. Und zweitens die Einsatzfunktion, die gewährleistet, dass diese Kapazitäten zur richtigen Zeit und im erforderlichen Umfang verwendet werden. Zusammengefasst: Der Markt selbst soll sich darum kümmern, dass jederzeit genauso viel Strom in das Netz eingespeist, wie gleichzeitig aus ihm entnommen wird. Es gibt allerdings auch Studien, die zu einem anderen Schluss kommen.

Flexibler und enger getaktet: der Markt der Zukunft

Eine Reihe von Instrumenten des Strommarktes 2.0 sollen Erzeuger und Verbraucher fit machen, auf das schwankende Angebot von Strom aus Wind und Sonne zunehmend flexibel zu reagieren. Grundsätzlich blieben Wettbewerb und Marktpreissignal zwar die zentralen Prinzipien, doch sollten Lieferungen z. B. auch viertelstündlich gehandelt werden können statt wie bisher stündlich. Auch in der Industrie ließen sich durch flexible Lastverschiebungen bzw. Verbrauchszeiten zusätzliche Anreize schaffen.
Ein weiteres zentrales Vorhaben ist der Ausbau der Stromnetze, deren Optimierung sowie der sichere Betrieb. Dies würde zu einer einheitlichen Preiszone und zugleich zu mehr Preistransparenz – gleiche Großhandelspreise für ganz Deutschland – beitragen.

Blick über die Grenzen

Das Grünbuch weist auf die wichtige Rolle eines europaweiten Binnenmarktes hin. Die nationalen Märkte sollen, wie das Beispiel Deutschland und Luxemburg zeigt – weitgehend gekoppelt werden und weiter zusammenwachsen, um Erzeugungskapazitäten und Netze gemeinsam besser nutzen zu können. Deutschland hat in einem länderübergreifenden Energieforum insbesondere die Zusammenarbeit mit den Nachbarn Österreich, Frankreich, Benelux und der Schweiz intensiviert. Schon seit Beginn des europäischen Verbundsystems wird Strom innerhalb Europas getauscht bzw. verkauft. Seit vielen Jahren exportiert die Bundesrepublik beachtliche Überschüsse ins Ausland. Das deutsche Stromangebot ist groß: 96,9 TWh (Terawattstunden) flossen im Jahr 2017 zu den Nachbarn, 36,7 TWh vom benachbarten Ausland zu uns (Quelle: klimaretter.info).

 

2017 exportierte Deutschland fast 97 TWh Strom ins Ausland

Fest steht auch: Ein grenzüberschreitender Stromhandel fördert großräumige Ausgleichseffekte. Während bspw. in Italien Höchstlasten durch den Betrieb von Klimaanlagen im Sommer anfallen, treten diese sogenannten Peaks in Deutschland eher in den Wintermonaten auf. Vielleicht wird eines Tages ein Supergrid – also ein intelligentes, dezentrales Energienetz – mit entsprechenden Transportkapazitäten die schnelle, europaweite Hilfe ermöglichen. Bis es soweit ist, sollten wir auch das Thema Versorgungssicherheit im europäischen Zusammenhang betrachten.

Mit oder ohne Reserve?

Bei der Frage, ob und welche Kapazitätsmechanismen wir benötigen, hat Deutschland in der Diskussion hinter seinen Partnerländern lange hergehinkt. Frankreich und Italien z. B. haben diese schon länger geplant, in Spanien und Griechenland gibt es diese bereits. Auch Finnland, Schweden, Dänemark, Belgien und Polen gehen auf Nummer sicher: Sie verfügen über festgelegte Kapazitätsreserven. Eine derartige Reserve als zusätzliche Absicherung soll auch in Deutschland eingezogen werden. Sie ist insbesondere als Instrument mit Blick auf die immer wieder angespannte Netzsituation in Süddeutschland gedacht.

Auf dem Weg zur Reform

Das Grünbuch wurde zur öffentlichen Konsultation gestellt – und stieß auf beachtliche Resonanz: 700 Stellungnahmen von Behörden, Verbänden, Gewerkschaften, Unternehmen und Bürgern gingen ein. Sie flossen in ein abschließendes Weißbuch ein, das 2015 vorgelegt wurde. Im dem im Juli 2015 vorgelegten Weißbuch sprach sich das BMWi klar für eine Weiterentwicklung des Strommarktes hin zu einem Strommarkt 2.0 und gegen die Einführung eines Kapazitätsmarktes aus. Nach der Diskussion des Weißbuches mit den relevanten Akteuren im September 2015 legte das BMWi einen Referentenentwurf für ein Gesetz zur Weiterentwicklung des Strommarktes vor. Der Gesetzentwurf wurde am 4. November 2015 vom Bundeskabinett beschlossen. Das neue Strommarktgesetz wurde schließlich im Juli 2016 verabschiedet.
Detaillierte Informationen zum Thema sind auf der Webseite des BMWi zusammengestellt.

 

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