Hier dreht sich was: Windkraft in Baden-Württemberg

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In den letzten Jahren floss in Baden-Württemberg immer mehr Windstrom ins Netz – doch zuletzt geriet der Ausbau ins Stocken. Ein Blick auf die Technologie und aktuelle Fragen: Wie lässt sich der Ausbau beflügeln? Wo besteht Luft nach oben?

Windrad
Copyright: Umweltministerium/Björn Hänssler

Wussten Sie, dass ein Professor aus Baden-Württemberg zu den deutschen Windkraftpionieren zählt? Schon in den 1950er Jahren konstruierte und entwickelte Prof. Ulrich Hüter, Dozent für Flugzeugbau an der Technischen Hochschule Stuttgart, für die Uhinger Allgaier-Werke Windkraftanlagen, die bis heute als das Urmodell moderner Windenergieanlagen gelten – mit einer Leistung von bis zu 100 Kilowatt und Rotorblättern aus glasfaserverstärktem Kunststoff. Seither hat sich viel getan: Gerade in den letzten Jahren wurde in Baden-Württemberg immer mehr Windstrom ins Netz eingespeist, von 2013 bis 2018 hat sich der Ertrag mehr als verdreifacht. Seit 2017 steht sogar die höchste Windkraftanlage der Welt in Baden-Württemberg – sie ist Teil desNaturspeicherprojekts in Gaildorf

Hier weht der Wind: Nicht nur in den Höhenlagen großes Potenzial

Zusammen mit der Photovoltaik hat die Windkraft das größte Potenzial in Baden-Württemberg – das zeigt der Windatlas  2019: Bei etwa 6,2 Prozent der Landesfläche liegt das theoretische Flächenpotenzial, so lauten die Berechnungen der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg. Dies sind etwas mehr als 220.000 Hektar. Hinzu kommen weitere grundsätzlich geeignete, aber für den Ausbau der Windkraft problematische Standorte. Die besten Windverhältnisse gibt es, wenig überraschend, in den Höhenlagen des Nord- und Südschwarzwalds sowie auf der Schwäbischen Alb, aber auch im Südosten und im Rheingraben finden sich geeignete Standorte. Weitere Vorteile der Technologie: Sie ist im Vergleich mit anderen Erneuerbaren kostengünstig und hat – auch über den gesamten Lebenszyklus gerechnet – eine besonders positive Klimabilanz. Im Betrieb werden gar keine Schadstoffe ausgestoßen, nach einem Jahr hat sich die zur Herstellung der Anlagen benötigte Energie amortisiert. Noch ist aber Luft nach oben: Die Agentur für Erneuerbare Energien schätzte zuletzt, dass in Baden-Württemberg aktuell nur 4,5 Prozent des Potenzials zur Windstromerzeugung tatsächlich genutzt werden.

Infografik Windenergie
Copyright: Bundesverband WindEnergie e. V.

Zahlen und Fakten: Windkraft im Südwesten

  • Im Aufwind: 2020 wurden in Baden-Württemberg 2.950 Gigawattstunden Windstrom erzeugt – 2016 waren es 1.235 Gigawattstunden, nochmal zwei Jahre früher (2014) erst 679 Gigawattstunden.
  • Dämpfer beim Zubau neuer Anlagen: Nachdem 2016 und 2017 jeweils Windkraftanlagen mit einer Leistung von mehr als 300 Megawatt neu zugebaut wurden, waren es 2018 nur gut 110 Megawatt und 2020 nur noch 32 Megawatt. Dies ist primär auf die Einführung von Ausschreibungen und auf die schwache Genehmigungssituation zurückzuführen.
  • Die Windkraft hatte 2020 einen Anteil von 6,6 Prozent an der Bruttostromerzeugung und einen Anteil von knapp 16,2 Prozent an der gesamten Stromerzeugung aus Erneuerbaren (18.211 Gigawattstunden).
  • Vergleicht man die Windkraftanlagen-Leistung pro 1.000 Einwohnerinnen und Einwohner, waren in Baden-Württemberg im Jahr 2018 145 Kilowatt installiert, in Bayern waren es 193 Kilowatt – und beim bundesweiten Spitzenreiter Brandenburg sogar 2.837 Kilowatt.
  • Im ersten Quartal 2019 ging in Baden-Württemberg keine neue Windkraftanlage ans Netz, nur sechs wurden neu genehmigt. Seit dem Jahr 2020, in dem 10 Neuanlagen mit insgesamt 32 Megawatt errichtet wurden, zeigt sich jedoch ein deutlicher Anstieg an Neubauten. So lag der Umfang an Neuinstallationen im ersten Halbjahr 2021 mit 22 Anlagen bereits über dem Niveau des gesamten Vorjahres. Außerdem verfügten bis zur Jahresmitte 2021 73 Neuanlagen über eine bundesemissionsschutzrechtliche Genehmigung.

Konstruktiver Dialog: Naturverträgliche Planungen beflügeln

Kommt ein Standort für Windenergie infrage, äußern Anwohnerinnen und Anwohner oft noch Fragen oder Einwände, im Hinblick auf mögliche Beeinträchtigungen für Tiere wie die Fledermaus oder den Rotmilan, die Veränderung des Landschaftsbilds oder das Gleichgewicht im Ökosystem Wald. Seit 2012 berät, informiert und schult das „Dialogforum Erneuerbare Energien und Naturschutz“, ein Gemeinschaftsprojekt des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND)  und des Naturschutzbunds Deutschland (NABU), rund um diese und weitere Aspekte der Energiewende: nicht nur beim Ausbau der Windkraft, sondern auch bei der Errichtung von Photovoltaik-Freiflächenanlagen und neuen Stromleitungen. Ein konstruktiver Dialog zwischen Planerinnen und Planern, Behörden, Naturschutzverbänden sowie interessierten Bürgerinnen und Bürgern soll dazu beitragen, dass die Planungen und Entscheidungen möglichst naturverträglich ausfallen. Verschiedene Publikationen klären zudem über die Windenergienutzung, gängige Vorbehalte und Vorteile auf. Hier lesen Sie beispielsweise den ausführlichen „Faktencheck Windenergie“. Das Dialogforum wird vom Umweltministerium gefördert.

Fair und sachlich bleiben: „Forum Energiedialog“ für Kommunen

Zudem bietet das Land Baden-Württemberg den Kommunen, die sich im Zusammenhang mit der Umsetzung der Energiewende in einer konfliktträchtigen Situation sehen, Unterstützung und Handreichungen an. Das Team des „Forum Energiedialog“ hat eine systematische Vorgehensweise entwickelt, die es möglich macht, Konflikte fair und sachlich auszutragen. Gemeinsam wird nach einem konstruktiven Weg gesucht, die Situation zu entspannen und Raum für einen ergebnisoffenen Dialog zu schaffen. Dazu organisieren die Moderatorinnen und Moderatoren des „Forum Energiedialog“ Informationsveranstaltungen, Dialoggruppen oder Exkursionen und erstellen Infomaterialien. Dies soll Bürgerinnen und Bürger wie auch Mandatsträgerinnen und Mandatsträger dabei unterstützen, verschiedene Argumente besser abwägen zu können und sich eine fundierte Meinung selbst zu bilden.

Noch Fragen? Tipps zum Weiterlesen

  • Wer Fragen zur Windenergie hat, findet auf dem Online-Portal des Ministeriums für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg einen ersten Antwortenkatalog und weiterführende Links.
  • Welche Maßnahmen der Landesregierung haben den Ausbau der Windenergie in Baden-Württemberg begleitet und vorangebracht? Das zeigt dieser Zeitstrahl.
  • Umfangreiche Informationen bietet zudem die Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW), die unter anderem auf Aspekte wie Immissions- und Naturschutz bei Windkraftprojekten eingeht. Dort finden Sie auch die aktuelle Auflage der Kurzbroschüre „Windenergie und Infraschall“, die die Landesanstalt zusammen mit dem Landesumweltamt herausgibt: Im handlichen Format und in verständlicher Form informiert sie über tieffrequente Geräuschemissionen von Windenergieanlagen.
  • Die zur Verfügung stehenden Fachinformationen zum Thema Windenergie sind auf der Informationsplattform der Gewerbeaufsicht eingestellt.
  • Oft sind Artenschutzgutachten eine wichtige Entscheidungsgrundlage für oder gegen einen möglichen Standort – umso wichtiger ist es, dass sie auf einheitlichen und transparenten Standards beruhen. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), der Naturschutzbund Deutschland (NABU) und weitere Partner aus Baden-Württemberg haben daher im Mai 2019 den Best Practice-Kriterienkatalog „Gute Artenschutzgutachten“ veröffentlicht, der auch Ehrenamtliche sowie Anwohnerinnen und Anwohner unterstützen kann.
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