Neue Herausforderungen für unser Energiesystem

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Das Energiesystem besteht aus zahlreichen Komponenten und Themenfeldern, die alle miteinander verwoben sind. Neben technischen Neuerungen brauchen wir für die Energiewende auch neue rechtliche und finanzielle Rahmenbedingungen. Denn der Wettbewerbsdruck für Kraftwerksbetreiber wächst: Wir blicken auf mögliche Konsequenzen.

Himmel mit Vögeln die auf Stromleitungen sitzen
Die Energiewende erhöht den Wettbewerbsdruck für Kraftwerksbetreiber. // Copyright: Shutterstock/Smit

Auch hier in Baden-Württemberg wird immer mehr Strom aus regenerativen Energien produziert. Zunehmend kommt es dabei zu Überkapazitäten, die das Preisgefüge am Strommarkt verändern. Das erzeugt Wettbewerbsdruck – und dieser Druck wird stärker: So sind einige Betreiber von Kraftwerken nicht mehr in der Lage, ihre Kosten durch den Verkauf vom Strom zu decken. Einige Anlagen sind schon vor dem Erreichen ihrer maximalen technischen Lebensdauer aus Wirtschaftlichkeitsgründen vom Netz gegangen. Hinzu kommen noch der Ausstieg aus der Kernenergie bis 2022 und aus der Kohle bis 2038. Die Versorgungssicherheit, so mahnen Kritiker, sei spätestens ab 2022 gefährdet. Die Einführung der verschiedenen Reserven zusätzlich zum „Energy-only-Markt“ schafft allerdings mehr Sicherheit.

Die Energiewende setzt in Baden-Württemberg eine klare Zielmarke: 2050 sollen rund 80 % des Stroms aus regenerativen Energiequellen stammen. Im Jahr 2019 betrug der Anteil der Erneuerbaren an der Stromerzeugung bei uns in Baden-Württemberg knapp 31,5 % (Quelle: Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg). Die Landesregierung  strebt eine Quote von 38 % noch 2020 an. Insbesondere in den Ausbau der Windenergie soll noch weiter investiert werden.

Über 31 % des Stroms in Baden-Württemberg stammen aus erneuerbaren Energien, Tendenz steigend.

Niedrige Strompreise, fehlende Anreize

So vielversprechend diese Zahlen sind, so schwierig wird es am Strommarkt angesichts der immer größeren Mengen verfügbaren Stroms aus Wind-, Sonnen- oder Wasserkraft. Denn: Der wachsende Anteil der erneuerbaren Energien im Strommarkt übt Druck auf die Großhandelspreise aus. Dies wirkt sich vor allem negativ auf die Wirtschaftlichkeit der fossilen Kraftwerke aus. Sie schaffen es kaum noch, kostendeckend zu wirtschaften. 
Der aktuelle Markt schafft nur dann Investitionsanreize, wenn in Zeiten von Knappheit in ausreichendem Maß Preisaufschläge realisiert werden können. Das ist jedoch aufgrund des durch Überkapazitäten ausgelösten, hohen Wettbewerbsdrucks kaum der Fall. Zwar soll sich die Wirtschaftlichkeit der Kraftwerke laut einer Studie des Bundeswirtschaftsministeriums durch den Abbau von Überkapazitäten mittelfristig wieder verbessern. Die Stimmung bei den Betreibern aber ist gedrückt.

Die Folge: Versorger nehmen Kraftwerke vom Netz

Insgesamt haben Energieunternehmen in Deutschland bis April 2020 bei der Bundesnetzagentur 116 Kraftwerke mit einer Gesamtleistung von rund 24 GW (Gigawatt) zur Abschaltung angemeldet. Zum Vergleich: Die 2011 nach den Ereignissen in Fukushima stillgelegten acht Atomkraftwerke verfügten über eine Leistung von zusammen 8 GW. Durchgeführt wurde bislang die Abschaltung von 49 der angemeldeten Kraftwerke. Davon befinden sich viele in Norddeutschland und gelten als nicht „systemrelevant“ – da es dort ausreichend Kraftwerksleistung gibt. In Süddeutschland gingen im Sommer 2016 die Blöcke 3 und 4 des Großkraftwerks Mannheim mit einer Leistung von zusammen 405 MW (Megawatt) vom Netz. Im Kernkraftwerk Gundremmingen wurde 2017 Block B abgeschaltet. Die sichere Stromversorgung im Land ist dadurch jedoch nicht gefährdet.

Mehr als 100 Kraftwerke sind zur Stilllegung angezeigt.

Ein Land ganz ohne Atomstrom

In nicht allzu ferner Zukunft stehen weitere Herausforderungen für das deutsche Stromnetz an: 2022 werden in Deutschland die letzten zwölf Atomkraftwerke nach gesetzlichem Beschluss abgeschaltet, bis 2038 soll kein Kohlekraftwerk mehr Energie erzeugen. Schaut man sich die gesamte installierte Nettonennleistung in Deutschland an (Kraftwerksliste Bundesnetzagentur, Stand April 2020) produzieren alle Energieerzeugungsanlagen 221 GW. Hiervon machen erneuerbare Energien mit etwas mehr als 50 % schon einen beachtlichen Anteil aus. Angesichts der noch fehlenden knapp 50 % werden dennoch verstärkt Fragen nach der Versorgungssicherheit laut, auch angesichts wind- und sonnenarmer Zeiten. 

Gesucht: ein integrierter europäischer Markt

Die Energielandschaft wandelt sich. Und aus Wandel entsteht die Wende – die Energiewende. Das verändert auch den Strommarkt. Immer mehr Energie aus Wind- und Sonnenkraft fließt ins System und verdrängt konventionell erzeugten Strom aus Kohle- und Atomkraftwerken. Für das Strommarktdesign heißt das: Erneuerbare Energien müssen integriert werden, neue Investitionsanreize für den Umbau des Energiesystems müssen entstehen – und dabei muss auch die Versorgungssicherheit jederzeit gewährleistet sein.
Ein neues Strommarktdesign für Deutschland muss auch im europäischen Zusammenhang gedacht werden. Denn es besteht weiterhin das Ziel einen europäischen Strombinnenmarkt zu schaffen. Um diesen Prozess zu beschleunigen und gegenläufigen Entwicklungen entgegen zu wirken, wurde auf Ebene der Europäischen Union Ende 2019 das Paket „Saubere Energie für alle Europäer“ beschlossen, welches auch Vorschläge für gemeinsame Vorschriften für einen Strombinnenmarkt beinhaltet.

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