Neue Herausforderungen für unser Energiesystem

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Das Energiesystem besteht aus zahlreichen Komponenten und Themenfeldern, die alle miteinander verwoben sind. Neben technischen Neuerungen brauchen wir für die Energiewende auch neue rechtliche und finanzielle Rahmenbedingungen. Denn der Wettbewerbsdruck für Kraftwerksbetreiber wächst: Wir blicken auf mögliche Konsequenzen.

Himmel mit Vögeln die auf Stromleitungen sitzen
Die Energiewende erhöht den Wettbewerbsdruck für Kraftwerksbetreiber. // Copyright: Shutterstock/Smit

Auch hier in Baden-Württemberg wird immer mehr Strom aus regenerativen Energien produziert. Zunehmend kommt es dabei zu Überkapazitäten, die das Preisgefüge am Strommarkt verändern. Das erzeugt Wettbewerbsdruck – und dieser Druck wird stärker: So sind einige Betreiber von Kraftwerken nicht mehr in der Lage, ihre Kosten durch den Verkauf vom Strom zu decken. Einige Anlagen sind schon vor dem Erreichen ihrer maximalen technischen Lebensdauer aus Wirtschaftlichkeitsgründen vom Netz gegangen. Hinzu kommt noch der Ausstieg aus der Kernenergie. Die Versorgungssicherheit, so mahnen Kritiker, sei spätestens ab 2022 gefährdet. Die Einführung der verschiedenen Reserven zusätzlich zum „Energy-only-Markt“ schafft allerdings mehr Sicherheit.

Die Energiewende setzt in Baden-Württemberg eine klare Zielmarke: 2050 sollen rund 80 % des Stroms aus regenerativen Energiequellen stammen. Im Jahr 2017 betrug der Anteil der Erneuerbaren an der Stromerzeugung bei uns in Baden-Württemberg knapp 27,5 % (Quelle: Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg). Die Landesregierung  strebt eine Quote von 38 % bis zum Jahr 2020 an. Insbesondere in den Ausbau der Windenergie soll noch weiter investiert werden.

Über 27 Prozent des Stroms in Baden-Württemberg stammen aus erneuerbaren Energien, Tendenz steigend.

Niedrige Strompreise, fehlende Anreize

So vielversprechend diese Zahlen sind, so schwierig wird es am Strommarkt angesichts der immer größeren Mengen verfügbaren Stroms aus Wind-, Sonnen- oder Wasserkraft. Denn: Der wachsende Anteil der erneuerbaren Energien im Strommarkt übt Druck auf die Großhandelspreise aus. Dies wirkt sich vor allem negativ auf die Wirtschaftlichkeit der fossilen Kraftwerke aus. Sie schaffen es kaum noch, kostendeckend zu wirtschaften. 
Der aktuelle Markt schafft nur dann Investitionsanreize, wenn in Zeiten von Knappheit in ausreichendem Maß Preisaufschläge realisiert werden können. Das ist jedoch aufgrund des durch Überkapazitäten ausgelösten, hohen Wettbewerbsdrucks kaum der Fall. Zwar soll sich die Wirtschaftlichkeit der Kraftwerke laut einer Studie des Bundeswirtschaftsministeriums durch den Abbau von Überkapazitäten mittelfristig wieder verbessern. Die Stimmung bei den Betreibern aber ist gedrückt.

Die Folge: Versorger nehmen Kraftwerke vom Netz

Insgesamt haben Energieunternehmen in Deutschland bis Oktober 2018 bei der Bundesnetzagentur 108 Kraftwerke mit einer Gesamtleistung von rund 22 GW (Gigawatt) zur Abschaltung angemeldet. Zum Vergleich: Die 2011 nach den Ereignissen in Fukushima stillgelegten acht Atomkraftwerke verfügten über eine Leistung von zusammen 8 GW. Durchgeführt wurde bislang die Abschaltung von 42 der angemeldeten Kraftwerke. Diese befinden sich zumeist in Norddeutschland und gelten als nicht „systemrelevant“ – da es dort ausreichend Kraftwerksleistung gibt. In Süddeutschland gingen im Sommer 2016 die Blöcke 3 und 4 des Großkraftwerks Mannheim mit einer Leistung von zusammen 405 MW (Megawatt) vom Netz. Im Kernkraftwerk Gundremmingen wurde 2017 Block B abgeschaltet. Die sichere Stromversorgung im Land ist dadurch jedoch nicht gefährdet.

Mehr als 100 Kraftwerke sind zur Stilllegung angezeigt.

Ein Land ganz ohne Atomstrom

In nicht allzu ferner Zukunft steht eine weitere Herausforderung für das deutsche Stromnetz an: 2022 werden in Deutschland die letzten zwölf Atomkraftwerke nach gesetzlichem Beschluss abgeschaltet. Ihre sogenannte installierte Leistung – die Maximalleistung der installierten Generatoren – beträgt rund 12 GW. Auch hier hilft ein Vergleich zum Verständnis: Die gesamte installierte Nettonennleistung beläuft sich in Deutschland auf knapp 215 GW (Quelle: Bundesnetzagentur). Hiervon machen erneuerbare Energien mit etwas mehr als 50 % einen beachtlichen Anteil aus (Quelle: Bundesnetzagentur). Allein auf Photovoltaik- und Windenergieanlagen entfallen rund 95 GW – das Achtfache der abzuschaltenden AKWs. Dennoch werden, auch angesichts wind- und sonnenarmer Zeiten, verstärkt Fragen nach der Versorgungssicherheit laut.

Gesucht: ein integrierter europäischer Markt

Die Energielandschaft wandelt sich. Und aus Wandel entsteht die Wende – die Energiewende. Das verändert auch den Strommarkt. Immer mehr Energie aus Wind- und Sonnenkraft fließt ins System und verdrängt konventionell erzeugten Strom aus Kohle- und Atomkraftwerken. Für das Strommarktdesign heißt das: Erneuerbare Energien müssen integriert werden, neue Investitionsanreize für den Umbau des Energiesystems müssen entstehen - und dabei muss auch die Versorgungssicherheit jederzeit gewährleistet sein.
Ein neues Strommarktdesign für Deutschland muss auch im europäischen Zusammenhang gedacht werden. Denn es besteht weiterhin das Ziel einen europäischen Strombinnenmarkt zu schaffen. Um diesen Prozess zu beschleunigen und gegenläufigen Entwicklungen entgegen zu wirken, legte die Europäische Kommission in 2016 im Rahmen des Pakets „Saubere Energie für alle Europäer“ Vorschläge zu gemeinsamen Vorschriften für einen Strombinnenmarkt vor. 

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