Perspektiven in der Krise

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Die aktuelle Krise betrifft alle gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bereiche in unterschiedlichem Maße. Wie die Energiewirtschaft mit den Herausforderungen der Situation umgeht und welche möglichen Aussichten es für die Konjunktur gibt, besprechen wir im Interview mit Andeas Renner von der EnBW. 

Abstand, Mundschutz, Home-Office: Wir alle mussten in der Pandemie viele neue Erfahrungen machen. Welche hat die Energiewirtschaft in der Krise gemacht, welche speziell Ihr Unternehmen?

Ja, ganz klar. Wir sind ja ein bisschen krisenresistent mit unserem Geschäftsfeld, wenngleich natürlich auch wir im einen oder anderen Bereich betroffen sind. Bspw., wenn es um Lieferketten geht, um Baumaßnahmen, Bauteile, etc. Oder wenn wir Revisionen machen an Kraftwerken, da beschäftigen wir zum Teil internationale Spezialisten, das war jetzt schon eine große Herausforderung, das alles zu organisieren.
Unser Arbeitsleben hat sich schon komplett und gewaltig verändert. Und das wird auf absehbare Zeit auch so bleiben. Gleichwohl haben wir Erlöse und Erträge stabil gehalten. Wir konnten auch unsere Investitionen tätigen. Wir haben schon sehr intensiv gearbeitet in den letzten Wochen und Monaten und sind dankbar dafür, dass wir niemanden in Kurzarbeit schicken mussten – und keine einzige Person hat ihren Arbeitsplatz verloren, von der IT-Abteilung bis hin zum Kantinenpersonal.

Stichwort Systemrelevanz: Wie schützen Sie in der Pandemie die Gesundheit Ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter? Wie wird die Stromversorgung sichergestellt?

Unsere Belegschaft arbeitet zur Hälfte von zu Hause aus – das sind 10.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die restlichen 10.000 sind draußen unterwegs. Sie müssen das Netz warten, Kraftwerke kontrollieren, Windanlagen bauen und so weiter – das geht natürlich nicht aus dem Home-Office! Dafür haben wir alle nötigen Schutzmaßnahmen ergriffen. Abstand, Hygienemittel, Handschuhe. Wir haben auch ein paar kreative Möglichkeiten gefunden, z. B. unsere Übernachtungen für die Arbeiten unserer bundesweit installierten Ladestationen. Die Kolleginnen und Kollegen waren im Wohnmobil unterwegs, weil schlicht und ergreifend die Hotelübernachtungen schwierig waren. Die Schichten in Leitstellen und Kraftwerken wurden getrennt, damit sich die Beteiligten nicht mehr physisch treffen. Die Übergaben zwischen den Schichten finden nicht mehr persönlich statt. All diese Maßnahmen haben wir getroffen, damit wir im Zweifel in der Lage gewesen wären, einzelne systemrelevante Personen unter Quarantäne zu stellen.
Das alles ist für uns natürlich eine riesige Umstellung. Aber wir waren technisch zum Glück gut vorbereitet. Wir machen teilweise 18.000 Videokonferenzen am Tag! Das ist eine ganz neue Form des Arbeitens, und das wird auch dazu führen, dass wir sicherlich nicht so zurückkommen, wie wir in die Krise reingegangen sind.
Zum Teil wissen Sie abends nicht mehr, wo Ihnen der Kopf steht, wenn Sie von morgens um halb neun bis abends um sieben in Konferenzen sitzen. Und dann kommt für viele natürlich die Doppelbelastung der Kinderbetreuung hinzu, wenn die Kinder nicht in die Schule oder in die Betreuungseinrichtungen können.
Die Situation beansprucht unsere Mitarbeiterschaft schon sehr: Wir haben einen betriebspsychologischen Dienst, der gerade ein deutlich höheres Aufkommen hat, ebenso wie unser Angebot zur Physiotherapie.

Nach dem anfänglichen Schock wollen Politik, Wirtschaft und auch die Bürgerinnen und Bürger ja wieder Schritte in Richtung Normalität machen – auch wenn die sicher anders sein wird als vor Corona. Wie sehen Sie das für die Energiewirtschaft? Wie sieht die aktuelle Realität der Energieversorgung in Baden-Württemberg aus?

Damit beschäftigen wir uns gerade auch. Zunächst einmal halten wir uns grundsätzlich an die aktuellen Empfehlungen von Bund und Land. Klar, da kommen auch Fragen auf, wann wieder im Büro gearbeitet werden kann. An großen Standorten, wo etwa 3.000 Leute arbeiten, ist das aber unglaublich schwierig zu organisieren, weshalb die Home-Office-Regelungen auf weiteres aufrecht erhalten werden. Ein weiteres Thema ist Urlaub. Wir als Energieversorger sind für unser System unersetzlich, wir müssen also besonders vorsichtig sein. Wenn jemand infiziert aus dem Urlaub zurückkommt und sich nicht direkt in Quarantäne begibt, kann es ganz schnell zu einer größeren Anzahl an Infektionen kommen. Das gilt es in der Energiewirtschaft dringend zu vermeiden.
Wir haben für diese Themen eine Task Force aufgestellt, die in den ersten Monaten täglich Gespräche geführt hat, mittlerweile tagt sie dreimal die Woche. Die Task Force nimmt sich diesen Themen an und wägt genau ab, was geht und was nicht.

Der baden-württembergische Umweltminister Franz Untersteller plädierte für ein Konjunkturpaket, das in Strom, Wärme, Verkehr und innovative Technologien wie Wasserstoff investiert, das sorge für zukunftsträchtige Arbeitsplätze, Konjunkturimpulse und Wertschöpfung. Wo würden Sie investieren, um die Konjunktur anzukurbeln?

Dazu haben wir kürzlich ein Gutachten in Auftrag gegeben, in dem wir zu 29 Handlungsfeldern Vorschläge machen. Bei den Handlungsfeldern geht es z. B. um die Themen CO₂-Preis und die EEG-Umlage, die Abschaffung der Stromsteuer ist eine der Schlüsselmaßnahmen. Und auch das Thema Breitband ist bei uns ein sehr intensives Geschäftsfeld, was in unseren Augen noch mehr Aufmerksamkeit verdient hat: Wir haben jetzt in der Krise gesehen, dass die Versorgung mit flächendeckendem Internet eine ganz wesentliche Voraussetzung dafür ist, dass nicht nur die Wirtschaft funktioniert, sondern auch das gesellschaftliche Leben, die Politik und die Schulen.
Ein weiterer Bereich ist auch für uns eindeutig: Der Ausbau der erneuerbaren Energien muss klare Vorgaben für einen jährlichen Ausbau von Solar und Wind (On- sowie Offshore) haben, damit wir die Ziele, die die Regierung gesetzt hat, auch erreichen. Das ist ein ganz wesentlicher Handlungsstrang, den wir im Gutachten ansprechen.

Ihr Unternehmen ist Mitglied der Stiftung 2°, in der sich namhafte deutsche Unternehmen für den Klimaschutz einsetzen. Im April hat die Stiftung einen von 68 Unternehmen unterzeichneten Appell an die Bundesregierung gerichtet: Konjunkturhilfen zur Unterstützung der Wirtschaft in der Corona-Krise sollen an Auflagen und Investitionen zum Klimaschutz gekoppelt werden. Jetzt kam das Konjunkturpaket. Sind Sie damit zufrieden?

Das Konjunkturpaket des Bundes enthält aus unserer Sicht ein Sofortprogramm, das in der Form noch kein nachhaltiges Konjunkturprogramm für die Zukunft ist. Hier diskutieren wir eher darüber, ob die Maßnahmen auch langfristig eine gute Basis für nachhaltiges Wirtschaften bilden können. Dafür eignet es sich meines Erachtens sehr gut. 
Das Konjunkturprogramm umfasst auch ein paar Themen, die wir durchaus spannend finden, wie bspw. den Ausbau der Elektromobilitäts-Infrastruktur. Ein Thema, für das wir seit Jahren kämpfen. Wir sind der Meinung, dass die Politik mit ihrer Arbeit in den letzten Monaten tatsächlich ein Befreiungsschlag gemacht hat, der in allen wesentlichen Teilen vernünftig ist. Ich glaube, es gibt wenig Länder, die das bisher in der Breite und Tiefe durchführen konnten wie die Bundesregierung. Wichtig ist, dass das Geld jetzt auch ankommt, wo es ankommen muss. Wer das Geld verteilt, muss auch dafür sorgen, dass die Sache in Gang kommt.

Die Krise hat unsere Gesellschaft schon auf eine harte Probe gestellt – und dauert ja noch an. Trotz allem gibt es ja auch Positives: Z. B. hat die Digitalisierung mit Home-Office und Home-Schooling einen riesigen Satz nach vorne gemacht. Was kann die Energiewirtschaft Positives mit aus der Krise nehmen?

Zunächst mal sehe ich zuallererst, dass diese Krise uns von heute auf morgen ganz schön an die Wand gefahren hat. Wir dürfen nicht vergessen, was da jetzt alles am Boden liegt, wie viele Menschen ihre Arbeitsplätze verlieren ... Uns ist vielleicht noch gar nicht ganz bewusst, was die sozialen Folgeschäden sein können. Das kann man jetzt nur schwer abschätzen. Was aber sicher positiv ist, ist das große Umdenken, das in vielen Teilen der Wirtschaft stattgefunden hat. Wie organisiere ich mich, wie arbeite ich, welche Infrastrukturen braucht meine Arbeit und welche nicht? Ich verweise da auf eine ganze Reihe von Maßnahmen, die völlig anderes Arbeiten als vor der Krise verlangen, aber auch ermöglichen. Das, was wir jetzt geschaffen haben an neuen, digitalen Formen des Arbeitens, das wird uns auch nach der Krise noch bereichern.

Andreas Renner im Portrat

Über Andreas Renner:

Andreas Renner kommt aus Stockach am Bodensee. Er ist Dipl.-Verwaltungswissenschaftler und absolvierte sein Staatsexamen und sein erstes Verwaltungsamt in Konstanz. Nach einer mehr als 15-jährigen politischen Laufbahn für das Land Baden-Württemberg, u. a. als Minister des Landes für Arbeit und Soziales, stieg Renner 2006 bei der EnBW AG ein. Dort fungierte er als Projektleiter Regenerative Energien in Stuttgart und als Leiter der Repräsentanzen in Berlin und Brüssel (mit Schwerpunkt Europapolitik). Seit 2015 ist Andreas Renner bei der EnBW AG Leiter des Bereichs Wirtschaft, Politik und Gesellschaft.

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