„Wir brauchen SuedLink, alles andere ist nicht vorstellbar“

Warum die Energiewende den Stromnetzausbau braucht
Eine sichere Stromversorgung ist im Interesse aller, besonders Unternehmen sind auf eine zuverlässige Versorgung mit Elektrizität angewiesen. Der Hauptgeschäftsführer der IHK Karlsruhe Dr. Guido Glania erklärt, warum es Versorgungssicherheit in Baden-Württemberg nur mit dem Ausbau der Stromnetze geben kann und welche Rolle SuedLink dabei spielt.

Herr Dr. Glania, warum braucht die Industrie in Baden-Württemberg den Stromnetzausbau?

Eine jederzeit sichere Stromversorgung ist Grundvoraussetzung für fast jede unternehmerische Tätigkeit. Wir wollen, dass die Energiewende erfolgreich wird. Jedoch wird Baden-Württemberg weiterhin von Stromimporten abhängig bleiben – unabhängig davon, wie gut der Ausbau von erneuerbaren Energien im Land vorankommt. Wir brauchen daher den Windstrom aus dem Norden und damit den Stromnetzausbau.

Neben den Übertragungsnetzen ist es auch wichtig, die Verteilnetze auszubauen und hin zu intelligenten Netzen zu entwickeln. Das ermöglicht es, erneuerbare Energien in großem Stil einzuspeisen und zu nutzen.

Können Sie sich die Zukunft in Baden-Württemberg auch ohne SuedLink vorstellen?

Aus Unternehmenssicht lautet die Antwort ganz klar: nein. Wir brauchen SuedLink, alles andere ist nicht vorstellbar. Der Netzausbau und damit die Versorgungssicherheit genießt bei den Betrieben höchste Priorität, nicht nur bei der Industrie. Nach Auffassung der Unternehmen in Baden-Württemberg gibt es bei den energiepolitischen Rahmenbedingungen für die Energiewende noch immer einiges zu tun, das hat unsere aktuelle Umfrage zum Energiewendebarometer 2019 wieder deutlich gezeigt. Die Landesregierung sollte sich auf Bundesebene weiter tatkräftig für den Netzausbau einsetzen, insbesondere für SuedLink.

Auch eine Studie im Auftrag des Umweltministeriums zur Versorgungssicherheit in Süddeutschland 2025 belegt die angespannte Versorgungslage beim Strom. Der hohe Importbedarf für Baden-Württemberg aus dem Norden Deutschlands und aus Nachbarländern dürfte angesichts des geplanten Kohleausstiegs eher noch steigen. Daher begrüßen wir das klare Bekenntnis des Landes Baden-Württemberg zum Übertragungsnetzausbau, es ist wichtig für unsere Unternehmen!

Und was würde es konkret bedeuten, wenn sich der Netzausbau insgesamt verzögert?

Energieversorgungssicherheit ist für die Unternehmen ein wichtiger Standortfaktor für die eigene Wettbewerbsfähigkeit. Aktivitätsverlagerungen ins Ausland, aufgrund energiewirtschaftlicher Einflüsse, sind laut unserem IHK-Energiewendebarometer 2019 bei ca. 20 % der Industrieunternehmen in Baden-Württemberg in Umsetzung oder Betracht. Welche Verluste an Wertschöpfung oder Anzahl an Arbeitsplätzen damit verbunden sind, ist aber kaum zu quantifizieren. Die Aufforderung an die Politik besteht daher weiter, für dauerhafte Versorgungssicherheit und international wettbewerbsgerechte Strompreise zu sorgen.

Was ein einstündiger Stromausfall in ganz Deutschland kosten würde, haben Experten des Hamburger Weltwirtschafts-Instituts vor einigen Jahren ermittelt. Käme er zur Mittagszeit, würde ein einstündiger Blackout fast 600 Mio. € kosten. Zudem sollten auch die immateriellen Schäden, wie der Vertrauensverlust in die sichere Energieversorgung im Land oder die öffentliche Ordnung insgesamt, nicht vernachlässigt werden.

Schwankungen im Netz sind für die Industrie besonders risikoreich. Können Sie kurz erklären, warum?

Gewerbe- und Industriebetriebe mit sensiblen Produktionsanlagen oder -prozessen können auch schon bei sehr kurzzeitigen Störungen besonders betroffen sein. Wenn sich bspw. Maschinen bei Abweichungen von der Normspannung selbsttätig herunterfahren und anschließend aufwändig wieder angefahren und eingestellt werden müssen. Auch können dabei elektromechanische Werkzeuge beschädigt werden oder gar Fabrikarbeiter in Gefahr geraten. 

Möglich ist auch, dass ganze Produktionschargen unbrauchbar werden, wenn z. B. die Temperatur in einer Glasschmelze absackt oder eine Kühlkette unterbrochen wird und in der Folge Hygiene- oder Qualitätsstandards nicht eingehalten werden können. Zu beachten ist auch, dass durch die zunehmende Digitalisierung in der Industrie auch die Steuerung sensibler und anfälliger macht, auch für Datenverlust.

Inwieweit kann die Eigenstromversorgung für große Industrieunternehmen eine Alternative sein?

Der Aufbau eigener Energieversorgungskapazitäten ist für viele Unternehmen erwägenswert. Tatsächlich befasst sich gut die Hälfte der Unternehmen in Baden-Württemberg mit dem Aufbau eigener Energieversorgungskapazitäten und das bereits seit Jahren.

Allerdings gilt auch: Die mit einer eigenen Stromerzeugung einhergehenden Abgrenzungs- und Meldepflichten stellen für viele Unternehmen eine hohe bürokratische Hürde dar. Auch schmälert die EEG-Umlage die Rentabilität von eigenerzeugtem Strom. Dazu kommt, dass die aktuelle Unsicherheit über die künftige Ausgestaltung und Umsetzung von Energiewende und Klimaschutz ein Investitionshemmnis ist. Dadurch bleiben einige potenzielle Beiträge der Unternehmen zur Energiewende ungenutzt. 

Viele Bürger haben Bedenken oder Vorbehalte gegen den Stromnetzausbau, die Industrie ist aber auf stabile Stromversorgung am Standort angewiesen. Was können Unternehmen bzw. die Verbände tun, um diesen Konflikt zu entschärfen und die Bürgerinnen und Bürger mitzunehmen?

Eine sichere Stromversorgung ist im Interesse aller, nicht nur der Wirtschaft. Die Politik steht in der Verantwortung, die dafür notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen. In Baden-Württemberg muss die Regierung weiter gemeinsam mit der Politik vor Ort für Akzeptanz werben. Das Land hat mit dem SuedLink-Dialog den intensiven Austausch mit Kommunen, Kreisen, Verbänden, Netzbetreibern und der Öffentlichkeit bereits in vorbildlicher Weise gesucht.

Auch die IHKs in Baden-Württemberg sind als Stimme der regionalen Wirtschaft in engem Austausch mit dem hiesigen Übertragungsnetzbetreiber TransnetBW, den regionalen Verteilnetzbetreibern, Energieversorgern und -abnehmern. Beispiele dafür sind eine landesweite Veranstaltungsreihe, die wir 2017 zum Thema Versorgungssicherheit und Netzausbau durchgeführt haben, eine Veranstaltung der IHKs Heilbronn-Franken und Würzburg-Schweinfurt konkret zum Projekt SuedLink oder unsere Mitgliedschaft in der Smart Grids-Plattform Baden-Württemberg e. V.

Dr. Guido Glania – Hauptgeschäftsführer der IHK Karlsruhe
Dr. Guido Glania – Hauptgeschäftsführer der IHK Karlsruhe

Über Dr. Guido Glania

Dr. Guido Glania ist seit Juli 2018 Hauptgeschäftsführer der IHK Karlsruhe. Der gebürtige Kölner hat ein Studium und Promotion der Volkswirtschaftslehre an den Universitäten Köln und Nürnberg absolviert, ehe er von 1996 bis 1999 als Referent für Europa- und Außenwirtschaftspolitik zum Gesamtverband der Textilindustrie (Gesamttextil) in Eschborn gewechselt ist. 1999 bis 2003 war er Referent für Handels- und Entwicklungspolitik beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) in Berlin, 2003 wechselte er zum BDI-Büro in Brüssel als Bereichsleiter Außenwirtschaft und Entwicklungspolitik. 2008 wurde Dr. Glania Generalsekretär der Alliance for Rural Electrification in Brüssel. Von März 2011 an war Dr. Glania Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Deutsch-Slowakischen Industrie- und Handelskammer in Bratislava.

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