Wettbewerbsverzerrungen vermeiden – Strompreise entlasten

Lesezeit: 3 Minuten

Warum die aktuelle Preispolitik fossile Energieträger bevorzugt und Strom belastet 

Update: Die Bundesregierung hat im Rahmen des Klimapakets auch einen CO2-Preis für Verkehr und Wärme beschlossen. Nach den Verhandlungen im Vermittlungsausschuss haben sich Bund und Länder darauf geeinigt, dass der CO2-Preis ab Januar 2021 25 Euro pro Tonne CO2betragen soll. Danach soll der Preis schrittweise auf 55 Euro im Jahr 2025 ansteigen. Für das Jahr 2026 soll ein Preiskorridor von mindestens 55 Euro und höchstens 65 Euro gelten. Danach soll der CO2-Preis in einem nationalen Emissionshandelssystem ermittelt werden.

Solaranlagen auf einer grünen Wiese
Der Ausbau von Erneuerbaren schreitet in Baden-Württemberg voran. // Copyright: Shutterstock/manfredxy

Ob Stromsteuer oder EEG-Umlage: Strom wird gegenüber fossilen Kraft- und Heizstoffen finanziell stark belastet. Das setzt falsche Signale, und zwar ausgerechnet in einem Energiesystem, das den weitestgehenden Verzicht auf Fossile Brennstoffe, die so genannte Dekarbonisierung, anstrebt. Daher sollten Steuern und Abgaben am jeweiligen CO2-Gehalt der Kraft- und Heizstoffe ausgerichtet sein. Und nicht nur das: Die aktuelle Preisgestaltung behindert Investitionen in Energieeffizienz und Sektorkopplung, also die Verzahnung der Bereiche Strom, Wärme und Verkehr.
Es sind beeindruckende Zahlen, die die Initiative „Agora Energiewende“ in ihrer im Jahr 2017 erschienenen Studie „Neue Preismodelle für Energie“ vorlegt. Die Studie analysiert das aktuelle Preisgefüge, um herauszufinden, wie wir Entgelte, Steuern, Abgaben und Umlagen auf Strom und fossile Energieträger gestalten müssten, um die Energiewende weiter voranzubringen.

Strom wird 30 Mal so stark belastet wie Heizöl.

Die Berechnungen des Expertenteams bringen ein massives Missverhältnis zum Vorschein: Insgesamt wird eine Kilowattstunde Strom derzeit mit rund 18,7 Cent an Steuern, Abgaben, Umlagen und Entgelten belastet. Bei Benzin beträgt die umwelt- und klimaschutzbedingte Belastung rechnerisch weniger als die Hälfte, nämlich 7,3 Cent pro Kilowattstunde. Diesel macht mit 4,7 Cent pro Kilowattstunde Belastung durch die Ökosteuer gerade nur noch knapp ein gutes Viertel der Aufschläge auf den Stromverbrauch aus. Noch geringer ist dieser Wert mit 2,2 Cent pro Kilowattstunde dann für Gas in privaten Haushalten, verschwindend gering steht Heizöl mit nur 0,6 Cent pro Kilowattstunde Aufpreis am Ende der Skala.

Verzerrte Preisgestaltung

Das „Agora“-Team hat noch eine zweite Methode benutzt, um Abgaben und Umlagen auf die verschiedenen Energieträger zu vergleichen: Sie hat die jeweiligen CO2-Belastungen in den Blick genommen. Zwar gibt es in Deutschland keine explizite CO2-Bepreisung, der Ökosteueranteil in Kraft- und Heizstoffen lässt aber schlüssige Vergleiche zu. Auch hier existiert eine ähnliche Verzerrung wie bei dem obigen Vergleich auf Basis des Energiegehalts:

So schlägt der Stromverbrauch mit einer Belastung von 185 Euro pro Tonne CO2 mit Abstand am höchsten zu Buche. Berücksichtigt werden hierbei die Stromsteuer, der Effekt des Zertifikatspreises im europäischen Emissionshandel sowie EEG- und KWK-Umlage. Wiederum finden sich die fossilen Kraftstoffe weit dahinter: Benzin mit 65 Euro je Tonne CO2, Diesel mit 48 Euro pro Tonne CO2. Bei den Heizstoffen ergeben sich sogar nur noch 20 Euro pro Tonne CO2 als implizite CO2-Belastung für Erdgas, Heizöl wird über die Ökosteuer mit gerade einmal 8 Euro je Tonne CO2 belastet.

Falsche Signale und fehlende Lenkungswirkung

Der Strom – und das betrifft alle Stromverbraucherinnen und Stromverbraucher – ist im Nachteil. Elektrizität kann in einem Wettbewerb der Energieträger derzeit nicht bestehen. Solange Heizstoffe wie Öl und Gas vergleichsweise billig sind, rechnet sich eine energetische Gebäudesanierung in vielen Fällen nicht oder erst nach sehr langer Zeit. Und auch hinter der Elektromobilität steht noch ein Fragezeichen. Denn obwohl Elektromotoren um ein Vielfaches effizienter sind als Verbrennungsmotoren, erscheint der Kauf von Elektroautos im Vergleich zu Benzinern oder Dieselfahrzeugen finanziell immer noch nicht attraktiv.

Das alles ist umso widersinniger, wenn wir in Baden-Württemberg auf unsere Klima- und Energieziele blicken: Die Emissionen sollen bis 2050 gegenüber 1990 um 90 Prozent zurückgehen. Bis 2018 haben wir gerade einmal 14 Prozent geschafft. Während der Ausbau der Erneuerbaren voranschreitet – über ein Viertel des Stroms in Baden-Württemberg stammt aus regenerativen Energieträgern –, fällt der Abschied von den fossilen Brennstoffen immer noch schwer. Obwohl schon heute feststeht, dass die Nutzung von Strom erheblich an Bedeutung gewinnen wird und obwohl es längst eine Reihe von Innovationen wie Smart Grids, Wärmestrom, Power-to-Gas-Verfahren gibt, steht die Energiewende in Sachen Preispolitik noch aus. Wie lange noch?

Verwandte Themen