So geht Energiewende in Baden-Württemberg

Bevölkerung, Landschaft, Wirtschaft: Jedes Bundesland hat seine Besonderheiten – auch bei der Umsetzung der Energiewende. Wir werfen einen Blick auf die speziellen Anforderungen und Ansätze in Baden-Württemberg.

Die Herausforderung: Vom Großen ins Kleine

Der Umbau unseres Energiesystems ist ein großes Generationenprojekt. Wir alle sind gefragt, die Energiewende sowohl in jedem Haushalt als auch mit Blick auf das große Ganze umzusetzen. Schließlich soll der Umstieg auf Strom- und Wärmeerzeugung aus Erneuerbaren in ganz Deutschland funktionieren – eng verzahnt mit den europäischen Nachbarn. Gelingen kann das nur, wenn Besonderheiten der einzelnen Regionen und Bundesländer berücksichtigt werden. Auch Baden-Württemberg hat ganz eigene Stärken und Potenziale beim Thema Klimaschutz.

Darum müssen wir handeln: der Klimawandel in Baden-Württemberg

Mehr Hitzetage, mehr Tropennächte, zu trockene Sommer und milde, nasse Winter: Baden-Württemberg ist schon heute vom Klimawandel betroffen. Diese Entwicklung wird sich noch verstärken – mit den damit verbundenen Folgen für Menschen, Tiere und Pflanzen.
In der Publikation „Klimawandel in Baden-Württemberg“ rechnen Experten vor: Die Jahresmitteltemperatur in Baden-Württemberg stieg seit 1901 von rund 8 °C auf heute über 9 °C an – und wird sich bis zum Jahr 2050 um weitere 0,8 bis 1,7 °C erhöhen. Während die Sommer trockener werden, regnet es im Winter immer häufiger. Und die Zahl der Hochwasserereignisse hat in den letzten 30 Jahren um rund 35 % zugenommen. 
Ganz besonders trifft der Klimawandel die Rheinebene. So wird die Anzahl der Sommertage z. B. in Karlsruhe von derzeit knapp 60 Tagen bis 2050 auf über 80 Tage ansteigen. Die Niederschläge im Winter werden je nach Region um bis zu 35 % zunehmen, wodurch auch die Hochwassergefahr weiter steigt.

Photovoltaikanlagen in einer grünen Landschaft und im Hintergrund Windräder
Copyright: Shutterstock/Thinnapob Proongsak

Darauf setzen wir: mit Sonne und Wind in die Zukunft

Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) brachte die Wende: Ab dem Jahr 2000 nahm die Nutzung regenerativer Quellen Fahrt auf. Heute liegt ihr Anteil an der deutschen Bruttostromerzeugung bei mittlerweile rund 36 %, in Baden-Württemberg bei 27,5 %. Baden-Württemberg setzte dabei zunächst v. a. auf die Kraft des Wassers (7,6 % der Bruttostromerzeugung 2017) und der Sonne (8,7 %) (Quelle: Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg). 
Im Bereich Windenergie gab es zwischen Odenwald, Alb und Schwarzwald jedoch lange Nachholbedarf. Zwar herrschen an küstennahen Standorten im Hinblick auf die durchschnittlichen Windgeschwindigkeiten zweifellos günstigere Verhältnisse für die Windenergienutzung als in weiten Teilen von Baden-Württemberg. Aber auch hier im Land besteht Potenzial an Flächen und Standorten für Windenergieanlagen, welche im Energieatlas Baden-Württemberg eingetragen sind. Seit 2015 nimmt auch die Dynamik beim Windkraftausbau in Baden-Württemberg zu. Mit einem Zubau von rund 720 MW (Megawatt) in den Jahren 2016 und 2017 hat sich die installierte Leistung von Windenergieanlagen in Baden-Württemberg zum Jahresende 2017 innerhalb von zwei Jahren auf 1,4 GW (Gigawatt) verdoppelt – das entspricht der Leistung eines konventionellen Großkraftwerks.

Das brauchen wir: flexible Gaskraftwerke, die sich rechnen

Ob Energie zentral im Norden Deutschlands oder dezentral dort erzeugt wird, wo sie verbraucht wird: Sonne und Wind sind und bleiben unbeständig. Deshalb benötigt auch Baden-Württemberg hocheffiziente und schnell reaktionsfähige Gaskraftwerke, die Versorgungssicherheit dann gewährleisten, wenn Flaute herrscht oder der Himmel wolkenverhangen ist.
Flexible Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen werden, ähnlich wie die Erneuerbaren, über das Kraft-Wärme-Kopplungs-Gesetz gefördert. Damit sie die Versorgung langfristig sicherstellen können, brauchen auch diese effizienten und flexiblen Gaskraftwerke langfristig ein stabiles und auskömmliches Marktumfeld. Die Bundesregierung setzt dafür auf Preisspitzen, die auftreten sollen, wenn das Angebot an Strom knapp (wenig Wind und Sonne) und die Nachfrage hoch ist – ähnlich wie bei Hotelpreisen, z. B. zu Messezeiten. Ob das für den Strommarkt genau so funktionieren kann, ist jedoch umstritten. 

Daran messen wir uns: verbindliche Klimaziele und gesetzliche Rahmenbedingungen 

Baden-Württemberg hat sich vorgenommen, bis zum Jahr 2050 den Ausstoß von Treibhausgasen um 90 % zu reduzieren. Dieses verbindliche Ziel ist im Klimaschutzgesetz des Landes ebenso festgeschrieben wie das Etappenziel, die Emissionen bis zum Jahr 2020 um 25 % zu senken. Darüber hinaus ist im integrierten Energie- und Klimaschutzkonzept festgelegt: Bis 2050 soll sich der Energieverbrauch gegenüber 2010 halbieren und sich der verbleibende Verbrauch zu 80 % aus erneuerbaren Energien decken.
Einen Beitrag dazu, dieses Ziel zu erreichen, leistet in Baden-Württemberg das Erneuerbare-Wärme-Gesetz (EWärmeG). Wer seine Heizanlage austauscht, muss hier im Land einen Pflichtanteil von 15 % erneuerbaren Energien einplanen. Daneben gibt es aber auch eine breite Auswahl an sogenannten Ersatzmaßnahmen, die z. B. Energie einsparen oder die Energie effizienter nutzen. Mit der Novelle 2015 wurde der Geltungsbereich des Gesetzes auf private und öffentliche Nichtwohngebäude ausgedehnt. Neu hinzugekommen ist auch der gebäudeindividuelle Sanierungsfahrplan, der ebenfalls zur Erfüllung angerechnet werden kann. Eine erste Bilanz hat Ende 2018 gezeigt, dass durch das EWärmeG in Baden-Württemberg jährlich 380.000 t Treibhausgase eingespart werden.
Baden-Württemberg hat insbesondere mit dem EWärmeG eine Vorreiterrolle eingenommen. Auf Bundesebene besteht eine Verpflichtung zur Nutzung von erneuerbaren Energien zur Wärmebereitstellung nur im Neubau.

Darauf bauen wir: Baden-Württembergs Kommunen

Die landesweiten Klimaziele sind nur dann erreichbar, wenn alle Akteure mitziehen. Eine zentrale Rolle nehmen dabei die Kommunen ein. Am Rande der Verleihung des European Energy Award 2017 in Friedrichshafen hat Umweltminister Franz Untersteller die Vorbildfunktion der Kommunen hervorgehoben. Sie können vor Ort ganz praktische Klimaschutzprojekte umsetzen. Laut Untersteller seien in Baden-Württemberg systematische Ansätze beim Klimaschutz wie der European Energy Award sehr gewinnbringend. Global sieht er für das Land Baden-Württemberg eine wichtige Vorreiterfunktion.


Noch mal in Kürze

Baden-Württemberg hat bei der Energiewende seine ganz eigenen Herausforderungen zu bewältigen – und kann viele Potenziale ausschöpfen. Mit Energie aus Wasser, Wind und Sonne erzeugen wir bereits mehr als ein Viertel unseres Stroms. Doch das muss mehr werden. Deshalb hat Baden-Württemberg eigene Maßnahmen ergriffen und Gesetze wie das Erneuerbare-Wärme-Gesetz auf den Weg gebracht. Was noch fehlt, ist ein stabiles Marktumfeld für flexible und hocheffiziente Gaskraftwerke – für eine sichere Energieversorgung, auch wenn der Wind nicht weht oder die Sonne nicht scheint. Eine wichtige Säule der Energiewende hier im Land sind die Kommunen. 

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