Von Krisen und Chancen: Energiewende in Zeiten der Corona-Pandemie

Die Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus SARS-CoV-2 haben den gewohnten Lebensalltag und den Lauf der Wirtschaft weitreichend verändert. Auch in die Energiewende bringt die Pandemie Bewegung – und zwar nicht nur hinsichtlich des Stromverbrauchs. Inzwischen gibt es bereits erste Überlegungen, wie die Energiewende zur wirtschaftlichen Erholung beitragen kann. Welche das konkret sind, erfahren Sie hier. 

Bewegung in der Energielandschaft: von rekordverdächtig niedrigem Stromverbrauch …

Leere Bürogebäude, geschlossene Ladengeschäfte, eine gedrosselte Industrieproduktion – die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie machen sich beim Stromverbrauch in ganz Deutschland bemerkbar. In Baden-Württemberg ist dieser in den letzten Wochen auf bis zu 80 % des normalen Durchschnittswerts gesunken. Den größten Effekt erzielt dabei der Rückgang der Industrieproduktion, deren Strombedarf zeitweise um fast die Hälfte geschrumpft ist. 

Doch der zurückhaltende Verbrauch birgt auch seine Schattenseiten in sich: In 2021 droht die paradoxe Situation, dass in Folge des sinkenden Stromverbrauchs die Stromrechnungen steigen werden. Einer der Gründe hierfür ist, dass die Differenz zwischen dem derzeit relativ niedrigen Börsenstrompreis und der gesetzlich zugesicherten Vergütung für Stromproduzentinnen und -produzenten erneuerbarer Energien, die ihren Strom ins Netz einspeisen, wächst. Zudem zahlen in diesem Jahr die Verbraucher aufgrund des gesunkenen Verbrauchs weniger auf das EEG-Konto ein als anvisiert. Die EEG-Umlage, die diese Differenz ausgleicht, wird infolgedessen im nächsten Jahr voraussichtlich ansteigen. Dies würde v. a. den Mittelstand und Haushalte belasten. Um dem entschlossen entgegenzuwirken, wurde beim Energieministertreffen Anfang Mai beschlossen, die EEG-Umlage spürbar zu senken. Minister Untersteller hat dazu eine Senkung auf ein Niveau von etwa 2 Cent pro Kilowattstunde (ct/KWh) vorgeschlagen. Gegenfinanziert werden soll dies mit dem CO₂-Preis, der zum 1. Januar 2021 eingeführt wird, und weiteren Zuschüssen aus dem Haushalt.   

… zum Rekordhoch in der erneuerbaren Energiegewinnung    

Eine weitere markante Entwicklung machte sich bereits in den ersten Monaten des Jahres bei der Stromversorgung bemerkbar: In Baden-Württemberg bestimmen erneuerbare Energiequellen mit anteilig 45 % der Nettostromerzeugung die Versorgungslandschaft mehr als jemals zuvor. 

Statistik: Anteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung
Im Vorjahr betrug der Anteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung 30 %.

Das Rekordhoch der erneuerbaren Energien und die erheblichen Energieeinsparungen sorgen, laut der Internationalen Energieagentur (IEA), für den bisweilen stärksten Rückgang von Treibhausgas-Emissionen. Der weltweite CO₂-Ausstoß dürfte demnach in 2020 um 8 % sinken, der Energiebedarf um 6 %. Auch erste Prognosen des Think Tanks Agora Energiewende stimmen mehr als optimistisch: Laut Berechnungen der Initiative wird der Treibhausgas-Ausstoß 2020 in Deutschland voraussichtlich um bis zu 45 % gegenüber dem Niveau von 1990 sinken. Damit würden wir das für 2020 gesteckte Klimaziel, das vorsieht den Ausstoß um mindestens 20 % zu senken, sogar übertreffen. 

Versorgungssicherheit trotz der Krise 

Unterm Strich ist derzeit also jede Menge Bewegung in der Energielandschaft. Die Versorgung ist und bleibt aber gesichert: „Wir stehen in engem Kontakt zu den Netzbetreibern und Energieversorgern. Vorsichtsmaßnahmen sind umgesetzt worden und könnten erweitert werden, falls es die Lage erfordert“, versichert Franz Untersteller. Zu diesen Maßnahmen zählen bspw. entsprechende Task Forces, Notfallpläne und Schutzvorkehrungen zur Sicherung des Systembetriebs kritischer Infrastrukturen.  

Nach Krise kommt Konjunkturprogramm: alle Zeichen auf Klimaschutz  

Die Corona-Pandemie hat eine weitere, genauso akute globale Herausforderung in den Hintergrund rücken lassen: die Klimakrise. Es wäre schlicht fatal, sich auf den nun erzielten CO₂-Einsparungen auszuruhen, gerade auch mit Blick auf die drohende wirtschaftliche Rezession. Denn wir stehen derzeit vor der einmaligen Chance, die Wirtschaft gekoppelt an den Klimaschutz durch gezielt eingesetzte, klimafreundliche Konjunkturpakete anzukurbeln. „Wenn ohnehin ein Konjunkturpaket geschnürt wird, sollen auch der Klimaschutz und die Energiewende dabei berücksichtigt werden. Fließen die Corona-Investitionen in die Energiesektoren, wie bspw. Strom, Wärme, Verkehr und innovative Technologien wie Wasserstoff, sorgt das für zukunftsträchtige Arbeitsplätze, Konjunkturimpulse und Wertschöpfung“, so Untersteller in seinen Forderungen an den Bund. Diese Position teilen bundesweit auch Vertreterinnen und Vertreter aus den Feldern Politik, Wirtschaft und Forschung, sei es Bundeskanzlerin Angela Merkel oder bspw. Konjunkturforscher Sebastian Dullien, der zu schnellem Handeln mahnt: „Um etwas zu erreichen und Klarheit zu schaffen, müsste ein Konjunkturpaket jetzt schon zügig verabschiedet werden. Aber es muss am Ende natürlich auch vernünftig gestaltet sein.“  

Zuversicht und Zusammenhalt 

Was optimistisch stimmt, ist die Tatsache, dass diese theoretischen Ansätze bereits jetzt nicht nur Zuspruch sondern auch Tatendrang sowohl im Energiesektor als auch in der allgemeinen Wirtschaft erfahren. Sei es bspw. durch das „Fünf-Punkte-Programm“ des Bundesverbands für Energie- und Wasserwirtschaft oder die Initiative Initiative „Stiftung 2°“, die von fast 70 deutschen Unternehmen für mehr Klimaschutz in der Wirtschaft ins Leben gerufen wurde. Und das sind nur einige Beispiele, die zeigen, dass Mut, Zuversicht und Zusammenhalt jeder Krise trotzen können.  

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